Stolpersteine beantragen

Leitfaden der Initiative Stolpersteine Mitte Berlin zur Vorbereitung und Durchführung einer Stolpersteinverlegung

1.Erstkontakt mit Angehörigen oder Paten: Information und Beratung
Der Erstkontakt erfolgt in der Regel durch einer E-Mail-Anfrage, die durch die
Stiftung-Spuren-Gunter Demnig oder die Koordinationsstelle Stolpersteine an uns
weitergeleitet wird. Die Anfrage wird von Theo (in Englisch) oder Hannelore (für die
deutschsprachigen) schriftlich beantwortet.
Als Anlage wird ein Merkblatt geschickt, das in deutscher und in englischer Fassung existiert und über die

  • Struktur der Stolpersteininitiative, die Zusammensetzung und Motivation der
    ehrenamtlichen Mitglieder*innen,
  • Situation in Berlin-Mitte (u.a. Wartezeiten),
  • Kosten und finanzielle Abwicklung,
  • Notwendigkeit der weiteren Recherche,
  • „Familienzusammenführung“ als Voraussetzung für die Verlegung informiert.

Anfragen von Familienangehörigen

Viele Familien haben bereits eigene Recherchen gemacht oder besitzen FamilienDokumente und stellen diese zur Verfügung. Wir überprüfen die von den Familienangehörigen vorgelegten Angaben und recherchieren bei Bedarf (mit Zustimmung oder in Zusammenarbeit mit der Familie) weiter. Außerdem prüfen wir, ob Steine für die in der Anfrage genannten Personen bereits von anderen Familienmitgliedern oder Hausgemeinschaften geplant oder sogar verlegt wurden.

Anfragen von Einzelpaten, Hausgemeinschaften, Vereinen, Verbänden,
Schulklassen, Parteien, etc.

Die Initiative recherchiert grundsätzlich nicht für diese Gruppen, prüft aber die Entwürfe der Inschriften und der Biografie und bietet Beratung und Unterstützung bei der Organisation der Verlegung und des Gedenkakts an.

2.Warteliste
Die Kontaktdaten der Familie bzw. des Paten, die Namen und persönlichen Daten und bekannte Anschriften der Opfer werden in die Warteliste aufgenommen.
Grundsätzlich werden die Anfragen in der Reihenfolge des jeweiligen Erstkontakts bearbeitet.

3. Recherche
Sehr praktische Recherchehilfen sind unter diesem Stichwort auf der Webseite

http://www.stolpersteine-berlin.de/de/engagement/recherchieren

zu finden.

Die Koordinationsstelle und die Landesarchive Berlin und Brandenburg organisieren regelmäßige Rechercheseminare und Workshops und kündigen sie auf der o.a. Webseite an.
Die Recherche ist abgeschlossen, wenn

  • die Verlegungsanschrift zweifelsfrei ermittelt ist,
  • die für die Inschrift erforderlichen Daten vorliegen und
  • darüber hinaus genügend Information über das oder die Opfer vorliegen, um lebendige Biografien zu erstellen.

Als Recherchehilfe haben wir ein Formular für Angehörige und Paten entwickelt, das Daten der erweiterten Familie und Information über den Lebenslauf der Opfer abfragt. Das Formular befindet sich auf Seite 10 dieses Leitfadens.

4. Planung der Verlegetermine
Es gibt sechs Verlegungstermine pro Jahr in Berlin, davon 4 Termine mit Gunter Demnig und 2 Termine mit unserem externen autorisierten Verleger Herr Münkel. (Diese 2 Verlegungen werden Gemeinschaftsverlegungen genannt). Insgesamt werden ca. 360 Steine verlegt, pro Termin etwa 60. Es wird versucht, die Termine gleichmäßig über das Jahr zu verteilen. Die geplanten Termine für die Verlegungen werden auf den Initiativen-Treffen (an denen unsere Initiative beteiligt ist) etwa vier Monate vor dem jeweiligen Verlegungstermin mitgeteilt. Die Anzahl der Steine, die
die einzelnen Initiativen verlegen können, werden beim Initiativen-Treffen
ausgehandelt.

  • nur „ausrecherchierte“ Steine, für die eine fertige Inschrift vorliegt, sollten zur Verlegung vorgeschlagen werden,
  • den Familien bzw. Paten gegenüber muss deutlich gemacht werden, dass sie keinen Einfluss auf die Termingestaltung nehmen können,
  • die Familien bzw. Paten, die aus dem Ausland anreisen wollen, dürfen erst dann, wenn der Verlegungstermin 100% sicher ist, ihre Reise buchen.

Das Hinwegtrösten über diese Planungsunsicherheit erfordert eine sehr offene und vertrauensvolle Beziehung zwischen Initiative und Familien bzw. Paten.

5. Erstellung der Inschrift
Die Inschrift wird erst, wenn die Biografie des Opfers „ausrecherchiert“ ist, erstellt.
Die „Regeln“ für die Formulierung und Gestaltung der Inschrift ergeben sich aus der Praxis und werden ständig weiter entwickelt.
Die Inschrift wird der Koordinierungsstelle so vorgelegt, dass die Gestaltung des Steins sichtbar wird. Es wird nur Arial Schriftgröße 12 (für den Lebenslauf) bzw.16 (für den Namen) verwendet.

Als Beispiel:
HIER WOHNTE
VOR- UND FAMILIENNAMEN
ggf. MÄDCHENNAME
JAHRGANG
DEPORTATIONSDATUM
DEPORTATIONSZIEL
WEITERE DEPORTATIONSZIELE
TODESDATUM / ORT

Die Initiative erhält rechtzeitig von der Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin den Termin zur Einreichung der Inschriften.
Wenn die Inschriften nach der 1. Korrektur zurückkommen, bitte an die
Angehörigen oder Paten weiterleiten, sie müssen ihr Einverständnis zur Inschrift geben. Nach der Prüfung in Berlin wird der Entwurf – ggf. nach Korrektur – dem Büro von G. Demnig vorgelegt. Erst nach Zustimmung durch das Büro und ca. drei Monate vor der Verlegung werden die Steine erstellt.
Die Korrektur in der Koordinierungsstelle und vor allem im Büro von Gunter Demnig gibt Auskunft über die aktuell erwünschte Formulierung der Inschriften. Wir müssen also die Korrekturen gut beobachten.

5. Die Biografie
Die Biografie wird meistens von der-/demjenigen geschrieben, der die Recherche gemacht hat. Einerseits soll die Biografie lebendig sein, andererseits muss sie auf wissenschaftlichen Quellen basieren. Viele Familien haben umfangreiche Recherchen betrieben, lassen aber manche Quellen außer Acht oder bevorzugen informelle Quellen wie genealogische Websites. Die Biografien werden auf http://www.stolpersteine-berlin.de veröffentlicht, möglichst auch auf Englisch, und tragen den Namen des Verfassers. Vor der Veröffentlichung werden sie lektoriert.Die Koordinationsstelle bietet Schreibseminare regelmäßig an.

6. Verlegungsanschrift
Stolpersteine werden an der letzten Adresse verlegt, an der die Opfer freiwillig gelebt haben.
In Mitte erschweren die vielen Straßenumbenennungen der letzten 80 Jahren, die Kriegsschäden und städteplanerischen Eingriffe der Nachkriegsjahre, gelegentlich auch eine neue Nummerierung der Grundstücke, die Festlegung des Verlegungsorts.
Parallel zur biografischen Recherche muss also eine Erforschung der Anschrift des Opfers stattfinden. Dazu gibt es mehrere digitalisierte Hilfsmittel: u.a. die Berliner Adressbücher und das HistoMap-Angebot des Berliner Landesarchivs. In schwierigen Fällen kann das Katasteramt oft helfen.
Ist die Anschrift eindeutig identifiziert, sollte dringend vor Ort die
Bodenbeschaffenheit festgestellt und fotografiert werden: Kleinpflaster,
Granitplatten, Asphalt, Beton, Rasen…
Seit dem 01.01 2018 muss Asphalt oder Beton vor der Verlegung aufgebrochen werden, damit Gunter Demnig seinen Zeitplan einhalten kann.
Im Rahmen einer Vereinbarung zwischen Gunter Demnig und dem Bezirk Mitte dürfen Stolpersteine ohne Genehmigungsverfahren im öffentlichen Straßenraum verlegt werden.

7. Planung der Verlegung und des Gedenkakts
Die Verlegungen der Steine durch Gunter Demnig geschehen hintereinander. In der Regel wünschen Angehörige aber auch andere Sponsoren (Vereine, Hausgemeinschaften usw.) ein würdiges und persönliches Gedenken der Opfer, das über die bloße Verlegung hinausgeht.
Dazu gehören z.B.

  1. Verlegung von Blumen und Anzünden von Gedenkkerzen (keine
    Grabkerzen, es handelt sich nicht um eine Beerdigung),
  2. Gebete oder Schweigeminute, evtl. auf Wunsch der Familie ein Rabbiner,
  3. persönliche Ansprachen von Familienmitglieder, Hausbewohner usw.,
  4. Ansprachen von Zeitzeugen, Politiker usw.,
  5. Verlesen der Biografie(n),
  6. Ausstellungen von Fotos oder Dokumente,
  7. musikalische Umrahmung,

Leben die Angehörige oder Sponsoren außerhalb Berlins, übernehmen wir
weitestgehend die Planung, teilweise auch die Durchführung dieses Gedenkakts der in allen Einzelheiten mit den Familien / Patenen im Vorfeld abgesprochen werden muss (auch die Kosten die in der Regel von der Familie / den Sponsoren getragen werden müssen).
Auch wenn Berliner die Verlegung beantragt haben, ist Beratung und Unterstützung sehr oft erforderlich.

8. Rechnungen, Spenden, Zahlungsverkehr
Die Herstellung und Verlegung eines Stolpersteins kostet 120 €. Seit Ende 2017 werden keine Rechnungen an die Angehörigen oder Paten geschickt, sondern Aufforderungen, eine kostendeckende Spende zu leisten. Mittelfristig streben wir an, von den Angehörigen keine Spenden mehr zu fordern, sondern die Kosten durch Spenden der Öffentlichkeit zu decken.

9. Welche Daten werden für die Stolpersteine benötigt?

1.Stolperstein-Inschriften
Für die Inschriften werden folgende Daten benötigt:

  • Vor- und Familienname des Opfers,
  • für Frauen ggf. der Mädchenname,
  • Geburtsdatum,
  • ggf. Verfolgung, Verhaftung, Haftstrafen, geleistete Zwangsarbeit (möglichst mit Angaben:
    von… bis…),
  • Daten zu Flucht, Emigration, Leben im Versteck u.Ä. (möglichst mit Angaben: von… bis…),
  • ggf. Deportationsdatum und –Ziel,
  • ggf. weitere Deportationen,
  • Ort des Todes,
  • falls bekannt, das Datum des Todes.
    Sind die Daten Ihnen nicht bekannt, recherchieren wir in den deutschen und internationalen
    Archiven und teilen Ihnen das Ergebnis mit.

2. Die Biografie
Ziel der Biografie ist es, die Persönlichkeit und Eigenart des Opfers zu würdigen.
So weit bekannt, benötigen wir folgende Daten zur Familie:

  • Vor- und Familienname, Geburtsdatum und -ort, Beruf des Vaters,
  • Vor- und Mädchenname, Geburtsdatum und -ort, ggf. Beruf der Mutter,
  • Vornamen und Geburtsdaten von Geschwistern des Opfers,
  • Wohnort(e) der Familie (von…bis…)

und zum Opfer:

  • Daten zu Schule, Berufsausbildung bzw. -Ausübung,
  • ggf. Daten zur Eheschließung, Familiengründung,
  • ggf. Namen und Geburtsdaten der Kinder,
  • Wohnorte vor und ggf. nach Berlin (von…bis…),
  • ggf. Wohnungswechsel in Berlin (von…bis…),
  • ggf. Daten zu Mitgliedschaft in Vereinen, Verbänden, usw.,
  • ggf. Daten zu politischem / gesellschaftlichem Engagement, Ehrenämter,
  • Anekdoten aus der Familie zur Person des Opfers.

In Ergänzung der Daten für die Stolperstein-Inschrift und zu den erwähnten Angaben für die Biografie, bitten wir um Kopien von Dokumenten aller Art (private Aufzeichnungen, Zeitungsartikel, Heirats- und Geburtsurkunden, Briefe, Fotos) sowie Hinweise auf oder Links zu relevanten Webseiten. Bevor die Biografie oder Fotos und Dokumente im Webportal der Stolpersteine Berlin veröffentlicht wird bekommen die Angehörigen/Paten die Biografie zu lesen.

Weiter Informationen von der Koordinierungsstelle hier.

Stolpersteine – gesellschaftlich wichtig

Gedenk- und Kunstprojekt für Europa –

und ein Vorbild für die Welt 

Teil 1 einer Präsentation von Hannelore Stippel und Georg Frank von der Initiative Stolpersteine Mitte Berlin 

Mit knapp 100.000 Stolpersteinen in 1.800 Städten in 28 Ländern hat Gunter Demnig mit seinem Team ein einmaliges und weltweit anerkanntes Denkmal für Opfer des NS-Terrors erschaffen – eine Mahnung gegen das Vergessen und gegen das Aufkeimen von Hass und Ausgrenzung. 

Recherche für Stolpersteine

Wie kommt es zu der Verlegung von Stolpersteinen?

Teil 2 einer Präsentation von Hannelore Stippel und Georg Frank von der Initiative Stolpersteine Mitte Berlin

Bei unserer Initiative sind es meist Anfragen von Nachfahren, aber auch von anderen Personen – häufig die in einem Haus wohnen oder arbeiten, aus dem Menschen deportiert wurden – die den Prozess zur Verlegung eines Stolpersteins auslösen. Bei den Stolpersteinen, die unsere Initiative betreut (hat), kommen 95 % der Angehörigen aus vielen Ländern der Erde, aus Südafrika, Argentinien, Israel, England und anderen.

Stolperstein-Inschriften

Hinweise des Teams von Gunter Demnig für Stolperstein-Inschriften

Die Ultrazell GmbH

Jüdisches Gewerbe (4)

ein Beitrag von Bethan Griffiths

Nach dem Tod seiner Mutter im Jahr 1929 wurde der Kaufmann und ausgezeichnete Kriegsveteran Curt Joseph Inhaber des Drogeriewarenunternehmens Kopp & Joseph in der Potsdamer Str. 122.[1] Um die Ecke – in der Lützowstr. 106 – fand die Fabrikation statt. Kopp & Joseph war sogar Hauseigentümer und Curt Joseph war dort gemeldet.[2] Kurz danach, im November 1932, gründete Curt Joseph eine weitere Firma – Ultrazell GmbH – die sich später im gleichen Gebäude befand.[3]

A. BLUMENREICH

Jüdisches Gewerbe (3)

ein Beitrag von Bethan Griffiths

Im Frühjahr 1919 etablierte das Ehepaar Arnhold und Ilse Blumenreich die „Blumenreich’s Versandhaus GmbH“. Firmen gleichen Namens gab es bereits in Budapest und in Ilses Heimatstadt Wien. Nun, kurz nach dem Chaos des Ersten Weltkriegs, wollte das Ehepaar ein weiteres ‚Versandhaus‘ in Arnholds Heimatstadt Berlin gründen.

HERMANN HEYMANN HUTFABRIK

Jüdisches Gewerbe (2)

ein Beitrag von Bethan Griffiths

Herrmann Heymann starb einen Tag vor dem 30. Geburtstag seines Sohnes, Theodor Heymann. Der junge Mann wurde nun Alleininhaber der „Hermann Heymann Hutfabrik“ in der Potsdamer Str. 61. Dieses etablierte Herrenartikelgeschäft war bereits im Jahr 1892 gegründet worden und wurde seit 1908 im Berliner Handelsregister unter der Nr. A 31717 verzeichnet.

Das Buch Esther – Präzedenzfall für die deutsche Geschichte

Das jüdische Purimfest wird in diesem Jahr am 25. und 26. Februar gefeiert.  Aus der Thorarolle wird dazu in der Synagoge stets die Buchrolle „Esther“ mit seinen 10 Kapiteln rezitiert. In dieser äußerst dramatischen Schilderung eines knapp verhinderten Genozids vor unserer Zeitrechnung erscheint zum ersten Mal das Wort „Yehudi“ (Jude). Gott kommt nicht vor. Es ist der Zufall, der im Buch Esther das Schlimmste verhindert.

DIE „GRADIVA“ IN DER KURFÜRSTENSTRASSE

(ein Beitrag von Regine Lockot)

In der Kurfürstenstraße 115/116 fand vom 25. bis 27. September 1922, im „Haus des jüdischen Brüdervereins gegenseitiger Unterstützung”, der 7. Internationale Psychoanalytische Kongress der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV) statt. Er war der letzte, an dem Sigmund Freud persönlich teilnahm.
Nach einer Blütezeit der Psychoanalyse im Berlin der 20er Jahre wurden ab 1933 alle jüdischen Psychoanalytiker durch die Nationalsozialisten aus Deutschland und später auch aus Österreich vertrieben. Sigmund Freud fand in London Exil, wo er am 23. September 1939 starb.

Wir beschlossen in die Höhle des Löwen zu gehen

Im März 2010 – wurde die Gedenktafel für Pfarrer Adolf Kurtz am Eingang zum Gemeindehaus der Zwölf-Apostel-Kirche enthüllt.

1922 kam der damals 31jährige Adolf Kurtz an die Zwölf Apostel Kirche in Berlin-Schöneberg. Er fand eine florierende Gemeinde, die 1880 um einen Kirchenneubau am Dennewitzplatz hatte erweitert werden müssen. Die Potsdamer Straße war die große Ausfallstraße nach Süden. Die Bevölkerung des Gebietes mischte sich aus allen sozialen und kulturellen Schichten. Christen und Juden lebten Haus an Haus.