Prof. Dr. Moritz Borchardt, Dörnbergstraße (Teil 1)

Über den Berliner Arzt Moritz Borchardt (1868-1948) (Bild 1) und seine Vorfahren ist schon einiges geschrieben worden (1-3), aber nicht alles stimmt, und nicht alles ist leicht überprüfbar. Das fängt schon mit dem Satz an, auf den sich alle berufen, nämlich dass er „aus einer seit Jahrhunderte in Berlin ansässigen jüdischen Kaufmannsfamilie“ stamme (1). Oder noch präziser: „Vorfahren gehören zu den 50 jüdischen Familien aus Wien, denen der Große Kurfürst 1673 die Ansiedlung in Berlin gestattet hatte„.

Bild 1: Moritz Borchardt zwischen vor 1910 (aus: Carl Pinn, Jüdische Dozenten an der Berliner Universitaet; Ost und West, Illustrierte Monatsschrift für das Moderne Judentum 1910, Seite 742; Fotograf unbekannt, gemeinfrei)

Die Vorfahren

Bereits eine einfache genealogische Recherche bei Ancestry zeigt uns heute, dass sein Großvater Moses Moritz Borchardt (1802-1864) noch in Schwerin an der Warthe (Provinz Posen) geboren wurde und ausweislich der Judenbürgerbücher von Berlin (4) etwa im Jahr 1806 nach Berlin kam, wo dessen Vater, Israel Moses Borchardt (1763-1832) am 1. April 1829 das Bürgerrecht erhielt und ein Tuchgeschäft eröffnete. Dieser Israel Moses Borchardt wurde auch auf der Liste der Berliner Juden (5) geführt, die 1812 aufgrund eines Ediktes Friedrich Wilhelm III.  Familiennamen annehmen mussten (Nr. 213), zusammen mit weiteren Personen dieses Namens: Die Handlungsdiener Theodor Borchardt (200) und Leopold Borchardt (201), die unverheiratete Henriette Borchardt (202) und die Witwe Hanne Borchardt geborene Stern (273). Dabei handelte es sich um entfernte Verwandte des Israel Moses Borchardt, und die Borchardts führten diesen Familiennamen schon seit mehr als 100 Jahren.

Zu diesem Zeitpunkt gab es in Berlin eine weitere Familie mit dem Namen Borchardt, deren Vorfahre, Moritz Jacob Salomon Borchardt (1785-1860) im Jahr 1821 nach Berlin kam, aber 1814 in Stettin das Bürgerrecht erworben hatte (6). Und natürlich hatten beide Familien gemeinsame Vorfahren: Dazu muss man allerdings noch ein paar Generationen weiter zurückgehen. Über diesen Zeitraum waren alle Angehörigen dieser verzweigten Familie in unterschiedlichen Städten ansässig, nicht jedoch in Berlin, und zwar in den hinter-pommerschen Gemeinden Köslin, Körlin, Schlawe, Schwerin und Stolp. Ihren Ursprung hatten die Borchardts dagegen in Halberstadt im Harz, das 1648 nach dem 30-jährigen Krieg zu Brandenburg kam und das eine große jüdische Gemeinde hatte. 

Seit 1573 gab es in Brandenburg keine Juden mehr; sie waren nach der Hinrichtung des jüdischen Münzmeisters Lippold (1530-1573) wegen eines angeblichen Verbrechens, dass er nur unter Folter eingestanden hatte, des Landes vertrieben worden. Im Jahr 1671 erlaubte Friedrich Wilhelm (1620-1688), der Große Kurfürst, 50 jüdischen Familien, die in den Jahren zuvor aus dem katholischen Wien unter anderem nach Halberstadt eingewanderte, sich in Brandenburg für 20 Jahre niederzulassen; dies hatte vor allem ökonomische Gründe – „zur Beforderung des Handels und Wandels – da das Land nach dem 30-jährigen Krieg (1618-1648) entvölkert und verarmt war. Die meisten von ihnen zogen nach Berlin, aber auch in andere brandenburgische Städte und Gemeinden (7); die Borchardts gehörten nicht dazu. 

Im Jahr 1691, bei Erneuerung und Erweiterung des Schutzbriefes durch Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg (1657-1713), zogen die Borchardts von Halberstadt nach Köslin (heute: Koszalin, Polen) in Pommern. Also nicht „seit Jahrhunderten“, sondern seit 1806, gerade einmal 60 Jahre war die Familie in der Stadt, als Moritz Borchardt am 6. Januar 1868 das Licht der Welt erblickte. 

Die übersichtlichste Generationenfolge des uns interessierenden Zweigs der Familie findet sich bei Selva Borchardt, einer Urenkelin Moritz Borchardts, die ihre Familiengeschichte 2021 veröffentlichte (8); danach lässt sich der Stammbaum dieser Borchardt-Linie bis etwa 1700 zurückverfolgen (Bild 2). Nimmt man die Recherchen zu der anderen „Berliner Familie“ (6) hinzu, reicht die Stammfolge bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts, kurz nach dem 30-jährigen Krieg. Kinderreich war die Familie in den meisten Generationen: Die in beiden Genealogien ältesten, gut dokumentierten Vorfahren, Philipp (Baruch) Borchardt (1676-1753) und seine Frau Edel (Eitel) (um 1679-1753) hatten zehn Kinder, alles Söhne, die das Erwachsenenalter erreichten, und auch spätere Generationen waren mit vielen Kindern gesegnet: Moritz Borchardts Urgroßvater Israel Moses Borchardt (1763-1832) und seine Frau Maike geborene Michel hatten noch sieben Kinder, während der Großvater Moses Borchardt (1835-1897) und seine Frau Rosalie geborene Magnus nur noch drei Kinder hatten. 

Bild 2: Genealogische Abstammungslinie von Gustav Borchardt, dem Vater von Moritz Borchardt (erstellt nach Angaben in (6) und (8)).

Normalerweise reichen Vorname und Name zusammen mit dem Beruf und dem Geburtsjahr aus, eine Person in Archivalien und Dokumenten eindeutig zu identifizieren. Das war in diesem Fall anders: Es gab in Berlin zwischen 1886 und 1938 einen weiteren Arzt mit dem Namen Moriz Borchardt (manchmal falsch Moritz Borchardt geschrieben), der ebenfalls 1868 geboren wurde (allerdings in Posen), und beide hatten zumindest einige Semester gleichzeitig in Berlin Medizin studiert. Das hat es anfänglich schwierig gemacht, ihre nachfolgenden beruflichen Karrieren auseinander zu halten. Erst durch Zugang und Einsicht in die später angelegte Personalakte „unseres“ Moritz Borchardt im Archiv der Humboldt-Universität (9) hat sich die Situation geklärt, da sich darin ein wissenschaftlicher Lebenslauf befand mit Angaben über die medizinischen Ausbildungsstationen – wobei wir keineswegs die ersten waren, die diese Akten eingesehen haben (1-3).

Die Herkunftsfamilie

Moritz Borchardts Großvater Moses (Moritz) Borchardt (1802-1848) war Kaufmann für Schnittwaren (= Stoffe), wie viele Juden dieser Zeit; der Zugang zu anderen Berufen war durch Zunft-Regeln und andere Vorschriften noch für viele Jahre beschränkt. Er diente zwölf Jahre im Geschäft des ebenfalls aus Schwerin a.W. stammenden und 1818 in Berlin naturalisierten Seidenwaren-Fabrikanten Jean Benda (1791-1870) in der Probstgasse 6.  Am 6. Mai 1834 heiratete er Rosalie (Röschen) Magnus, Tochter des Kaufmanns Joseph Israel Magnus (1768-1819) aus der Klosterstraße 42 (4). Aus dieser Ehe entstammten drei Kinder, zwei Mädchen (Rosalie und Fanny) und Gustav Borchardt (1835-1897). Der heiratete am 20. März 1864 Emma Wolffenstein (1845-1918), die einer anderen Linie der Borchardt-Familie aus Halberstadt entstammte (8). Sie hatten drei Kinder, zwei Mädchen (Henriette und Malwine) und Moritz Borchardt, unser Protagonist.

Da die Vorfahren bislang weitgehend Kaufleute geworden waren, so wurde Gustav Borchardt dies ebenfalls, brachte es aber bis zum Stadtrat von Berlin. Er war nicht, wie in vielen genealogischen Foren wie MyHeritage vermerkt, Arzt, das war erst seinem Sohn vorbehalten: um 1850 war den Juden in Preußen zwar ein Studium erlaubt, aber eine Promotion war nur in Ausnahmefällen möglich. Die förmliche Gleichstellung erreichten sie erst mit der Reichsgründung 1871, und auch dann gab es immer noch viele Einschränkungen.

Großvater Moses hatte sein Geschäft 1829 in der Heiliggeiststraße 26-28 eingerichtet, und dort wohnte er auch in den nächsten 15 Jahren. 1843 hatte er das Nachbarhaus (Nr. 29) in dieser nach heutigen Maßstäben idyllischen Straße im Heiliggeistviertel gekauft (Bild 3) und zog dort ein, das Geschäft blieb bis 1845 im Nachbarhaus, das dem Tabakfabrikanten Prätorius gehörte, dann wurde auch das Geschäft in die Nr. 29 verlegt. Ob die wenige Häuser weiter (Nr. 24) bestehende Bierschänke einem Verwandten mit gleichen Namen gehörte, lässt sich nicht mehr feststellen.

Bild 3: Blick in die Heiliggeiststraße auf das Eckhaus mit der Nr. 23, rechts davon die kleineren Häuser mit den Nr. 22 bis 16. Das Borchardt´sche Haus Nr. 26 bzw. 29 lag dieser Reihe gegenüber und dürfte ähnlich ausgesehen haben (Aufnahme von 1896, Fotograf Georg Bartels. Stiftung Stadtmuseum VI 65-793 V, mit freundlicher Genehmigung).

Nach dem Tod des Moses Borchardt am 10. März 1864 hatte sein Sohn Gustav Borchardt das 1829 gegründete „Borchardt´sche Weißwaaren und Seidenband-Geschäft“ übernommen und es nach weiteren 15 Jahren zum 50-jährigen Jubiläum am 1. Januar 1879 seinem Vetter und langjährigen Mitarbeiter Isidor Mannheim übergeben (Bild 4) – Gustav war jetzt 44 Jahre alt. Er wohnte seit 1868 als „Rentier“ (von seinen Einnahmen lebend) in der Potsdamer Straße 52 – zwischen der Kurfürstenstraße und der Bülowstraße stadtauswärts rechts, heute die Nr. 130.

Bild 4: Zeitungsmeldung der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung vom 4. Januar 1879 zum 50-jährigen Jubiläum der Firma Borchardt.

Aber er war offensichtlich zu jung, um sich zur Ruhe zu setzen und begann eine politische Karriere: er kandidierte 1878 erfolgreich zunächst als Bezirksvorsteher des Bezirks Nr. 51 (Botanischer Garten). Jeder der 326 Berliner Bezirke in den Jahren um 1880 – nicht vergleichbar mit den heutigen Stadtbezirken – hatte einen Stadtverordneten, einen Bezirksvorsteher, einen Schiedsmann, einen Armen-Kommissionsvorsteher, einen Gemeinde-Waisenratsvorsteher und einen Armenarzt. 1880 kandidierte er für den Posten eines Stadtverordneten, der in der Stadtverordneten-Versammlung (SVV, dem Kommunalparlament 1809-1948, heute Abgeordnetenhaus) in der Regel mehrere dieser Bezirke vertrat – Gustav kandidierte erfolgreich für die Bezirke 55 bis 58. Er war einer von etwa 122 Stadtverordneten bis zum Jahr 1885, dann wurde er zum Stadtrat ernannt, einem der etwa 30 Stadträte Berlins, die für einzelne Funktionen im Magistrat zuständig waren, z.B. Bau, Finanzen, Soziales, Schulen etc. Neben den von der Stadt besoldeten Stadträten gab es acht unbesoldete Stadträte, Gustav Borchardt war einer von ihnen. Dies blieb er bis zu seinem Tode am 5. November 1897 im Alter von 62 Jahren, zuletzt mit täglichen Sprechstunden im Rathaus. Auf dem Weg nach „oben“ sammelte Gustav Borchardt Lorbeeren: Vorstandsposten in sozialen Institutionen (Armenhaus-Verwaltung, Waisenkinder-Schutzbund) und den königlichen Kronen-Orden. Zur Trauerfeier erschienen die Honoratioren der Stadt und der Bürger (Bild 5).

Bild 5: Zeitungsmeldung der Berliner Börsen-Zeitung vom 10. November 1897 zum Tode Gustav Borchardts.

Ab 1889 wurde das ehemalige Grundstück des Bankiers Johann Gottfried Siegmund (1792-1865) im heutigen im Hansa-Viertel erschlossen und es entstand die Straße Siegmundshof. Die Nr. 18 (heute Nr.19) war die neue Villa der Borchardts, wo die Familie ab 1892 wohnte (Bild 6). Das kann man eine erfolgreiche Karriere nennen: vom Seidenwarenhändler zum Stadtrat, von der Mietwohnung im Heiliggeist-Viertel zur Stadtvilla im Hansa-Viertel, und der Sohn auf dem besten Wege, einer der besten Chirurgen seiner Zeit zu werden. Dazu mehr im nächsten Teil der Geschichte.

Bild 7: Straube-Plan von Berlin (Ausschnitt) von 1910 mit dem markierten Haus der Familie Gustav Borchardt im Siegmunds Hof Nr. 18.

Literatur

1. Ulrike Eisenberg, Hartmut Collmann, Daniel Dubinski: Verraten – Vertrieben – Vergessen. Werk und Schicksal nach 1933 verfolgter deutscher Hirnchirurgen. Hentrich & Hentrich Verlag, Berlin 2017, Seite 33-64; siehe auch: Gleis 69, Gelebte Erinnerung in Berlin-Tiergarten.

2. Christian Pross, Rolf Winau: nicht mißhandeln. Das Krankenhaus Moabit. Edition Hentrich im Verlag Frölich & Kaufmann, Berlin 1984, Seite 152-158.

3. Rebecca Schwoch: Berliner jüdische Kassenärzte und ihr Schicksal im Nationalsozialismus. Verlag Hentrich & Hentrich, Berlin 2009, Seite 126 f.

4. Jacob Jacobson, Hrsg.: Die Judenbürgerbücher der Stadt Berlin 1809 – 1881. Verlag Walter de Gruyter & Co., Berlin 1962.

5. Amtsblatt der Königlichen Churmärkischen Regierung zu Potsdam 1814 (Beilage zum 40ten Stück des Amtsblatts), Verzeichnis der in den Städten und auf dem platten Land des churmärkischen Land wohnenden Juden …

6. Dagmar Frings, Jörg Kuhn: Die Borchardts. Auf den Spuren einer Berliner Familie. Verlag Hentrich & Hentrich 2011.

7. Irene A. Diekmann: Juden in Brandenburg (1671 bis 1871), publiziert am 07.12.2017; in: Historisches Lexikon Brandenburgs, URL: http://www.brandenburgikon.de.

8. Selva Borchardt: Woher komme ich, Mae? Unveröffentlichtes Manuskript, o.O. (Köln), o.J. (2021)

9. Personalakte Moritz Borchardt im Archiv der Humboldt-Universität, Signatur B 331.

Die Familie von Ernst Liedtke, Blumeshof 12 (Teil 7)

Dass es zwischen 1910 und 1942 zwei Personen mit dem Namen „Theodor Liedtke“ in Berlin gab, haben wir durch Simon Mays Buch erfahren (1); er glaubte nicht, dass „der andere Theo“ zur gleichen Familie gehörte, aber das konnten wir lückenlos beweisen: Theo 2 war der Sohn eines Bruder seines Urgroßvaters Meyer Liedtke, mithin ein Großonkel 2. Grades, während der Theo 1, den wir neulich hier besprochen hatten, sein Großonkel 1. Grades war, Bruder von Ernst Liedtke, seinem Großvater. Aber zu wissen, dass beide zur Familie gehörten, macht die Einträge zum Beispiel im Adressbuch noch nicht eindeutig und unterscheidbar, insbesondere wenn sie auch noch den gleichen Beruf (Kaufmann) hatten und beide 1942 wegen ihrer jüdischen Herkunft von den Nazis nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurden. Der „andere Theo“ hatte eine eigene Lebensgeschichte, die hier gewürdigt werden soll; sie ist im übrigen ungleich besser dokumentiert als die von Theo 1, aus speziellen Gründen, wie wir gleich sehen werden. 

Herkunft und Berufstätigkeit des „anderen Theo“

In der Entschädigungsakte im Landesamt für Besoldung (2), die seine Tochter Ellen 1956 veranlasst hatte (s. unten), fand sich ein Lebenslauf von Theo 2 aus der Sicht seiner einzigen Tochter Ellen, die bis zu seiner Verhaftung 1941 mit ihm zusammen wohnte. Dieser Lebenslauf ist die bislang ausführlichste Dokumentation seines beruflichen und privaten Lebens (Bild 1). Er bestätigt Abwesenheit von Berlin aus beruflichen Gründen ebenso wie eine Zeit im Militärdienst.

Bild 1: Lebenslauf (Auszug) des Theodor Liedtke, erstellt von seiner Tochter Ellen 1956 (aus: 2).

Außerdem gibt es eine Handelsregister-Akte im Landesarchiv (3), die zeigt, dass er 1921 in Berlin eine Handelsfirma für Schürzen, Jüpons und Kleidchen eröffnete, um diese Vertretungen von Fremdfirmen in Berlin zu übernehmen; die Firma wurde mit der Nr. 97938 am 1. Februar 1921 im Handelsregister A eingetragen. Im ersten Jahr wurde sein Jahreseinkommen auf 8.000 Mark (auf Provisionsbasis) geschätzt, so dass seine Steuer auf 80 Mark festgesetzt wurde. Die tatsächliche Geschäftsentwicklung lässt sich aus den Unterlagen nicht ersehen, aber auf Nachfrage des Amtsgerichts vom Mai 1938 bestätigte die Industrie- und Handelskammer Berlin, dass das Unternehmen von vollkaufmännisch tätig sei bei unveränderten Rechtsverhältnissen. Zwei Jahre später, am 1. Dezember 1941 berichtete die IHK, dass der Betrieb eingestellt wurde. 

Mit Datum vom 31. Dezember 1941 erklärte der Untersuchungsgefangene Theodor Liedtke, in Haft wegen „Betr u.a.“ in einem Formblatt gegenüber dem Amtsgericht, dass das unter seinem Namen betriebene Geschäft nicht mehr existiere, die Eintragung in das Handelsregister erloschen sei und dass die letzte Zahlung der Gewerbesteuer im Frühjahr 1941 an das Bezirksamt Schöneberg erfolgt sei (Bild 2). Das Amtsgericht veranlasste daraufhin die Löschung der Firma. Die Geschichte der Firma Liedtke ist in der Datenbank jüdischer Gewerbebetriebe bei Kreutzmüller (4) dokumentiert. 

Bild 2: Erklärung zur Löschung des Handelsgeschäftes von 1941 (au: 3).

Theodor Liedtke, 1887 in Berlin als einziger Sohn jüdischer Eltern, Schier (Simon) Liedtke und dessen Ehefrau Lydia Freudenberg, geboren, hatte am 14. August 1915 die Emma Martha Oppenheim geheiratet, die 1892 in Berlin zur Welt kam – Emma war ohne Beruf und uneheliches Kind der Näherin Anna Oppenheim (1892-1949). Wir können davon ausgehen, dass diese im Krieg geschlossene Ehe in einem Heimaturlaub des Soldaten Theodor Liedtke stattfand. Ihr einziges Kind, ihre Tochter Ellen kam erst nach dem Krieg zur Welt, am 8. August 1919. Als Ellen 25 Jahre alt war, starb ihre Mutter Emma am 21. Dezember 1934 im St. Norbert-Krankenhaus in Schöneberg im Alter von nur 42 Jahren. Ob sie angesichts und in Folge der zunehmenden Verfolgung jüdischer Familien starb oder an einer tödlichen Erkrankung ergibt sich aus den Unterlagen nicht. Sie selbst hatte als Halbjüdin einen arischen Vater, wie eine Abstammungsurkunde für ihre Tochter Ellen aus dem Jahr 1943 belegt (Bild 3).

Bild 3: Abstammungsurkunde des Reichssippenamtes Berlin für Ellen Liedtke von 1943 (aus: 2).

Der Prozess wegen Urkundenfälschung und Betrug

Nach Aussage seiner Tochter Ellen wurde er am 24. Mai 1941, wie viele Juden, „in das jüdische Lager Berlin befohlen“ – er ist unklar, ob es sich dabei um das Konzentrationslager (KZ) Sachsenhausen bei Oranienburg handelte oder um dessen Außenlager Neuengamme; in Sachsenhausen gibt es keine Unterlagen über ihn, wie die Leiterin Dr. Astrid Ley auf Anfrage mitteilte. Sie vermutet, dass Theodor Liedtke nach der Verhaftung „über das KZ Neuengamme nach Dachau verschleppt wurde, wo damals die meisten jüdischen KZ-Häftlinge konzentriert wurden. Wahrscheinlich stand die Inhaftierung im Zusammenhang mit einem damals bereits gegen ihn anhängigen Betrugsverfahren („Falschbeurkundung“) beim Landgericht Berlin“ (Mail vom 26. September 2025). In den Unterlagen des KZ Dachau im Arolsen-Archiv (5) ist sein Zugang mit der Häftlingsnummer 27383 am 27. September 1941 vermerkt, seine Entlassung (Verlegung) am 18.Dezember 1941.

Bei diesem Gerichtsverfahren ging es um zwei Tatbestände: Theodor Liedtke hatte sich gegenüber einem Notar im Mai 1940 als Halbjude ausgegeben, eine Kennkarte als Jude nicht beantragt, mithin auch nicht vorgelegt, und hatte sich bislang geweigert, den Zwangsvornamen „Israel“ zu führen und den Judenstern zu tragen. Stattdessen hatte er in mehreren Eingaben seit 1938 versucht, eine Bestätigung als Halbjude zu bekommen, was polizeilich abgelehnt worden war. Und zum anderen hatte er bei eben diesem Notar die Umschreibung (Schenkung) seines Viertel-Anteils an einem Grundstück in Schöneberg (Büsingstrasse 14/Odenwaldstr. 26), das er und seine Tochter Ellen von seiner Frau geerbt hatte, auf seine Tochter zwecks Vermögenssicherung veranlasst. Nachdem dies bereits erfolgt war, hatte der Bezirksbürgermeister gegen diese Umschreibung Widerspruch eingelegt und so den Zugriff des nationalsozialistischen Staates auf das Vermögen der Juden sichergestellt. Theodor Liedtke kam im Dezember 1941 in Untersuchungshaft in das Gefängnis Plötzensee in Berlin-Tegel.

Im Strafprozess (6) gegen ihn wurde er am 16. September 1942 (Bild 4) zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr und sechs Monaten verurteilt „wegen schwerer mittelbarer Falschbeurteilung in Tateinheit mit Betrug … Da der Angeklagte geständig war, wurde ihm die erlittene Untersuchungshaft angerechnet“ – mittlerweile acht Monate, von Januar bis September 1942. Er hätte also damit rechnen können, im Mai 1943 aus dem Gefängnis entlassen zu werden.

Bild 4: Auszug aus dem Urteil des Landgerichts Berlin gegen Theodor Liedtke von 1943 (aus: 6).

Sicherungsverwahrung und Deportation nach Auschwitz

Bereits im Oktober 1942 teilte die Kriminalpolizei der Strafanstalt in Plötzensee mit, dass beabsichtigt sei, gegen Theodor Liedtke „im Anschluß an die Strafverbüßung polizeiliche Vorbeugungsmaßnahmen zu ergreifen. Ich bitte daher ihn nicht zu entlassen, sondern in in jedem Falle, auch bei vorzeitige Entlassung oder bei Bewilligung einer Bewährungsfrist, mittels Sammeltransportes in das Polizeigefängnis Berlin für die Kriminalinspektion Vorbeugung einzuliefern“ (6). Am 23. März 1943 vermerkt die Dienststelle der Kriminalpolizei in einer internen Notiz „Es ist zu prüfen, ob und welche vorbeugenden Maßnahmen …zu ergreifen sind„, und notiert drei Tage später, am 26. März 1943 „nach fernm. Auskunft des Strafgefängnisses Berlin-Tegel sitzt der Jude Theodor Israel Liedtke dort nicht mehr ein. Er ist am 17. 3 1943 in das Konzentrationslager Auschwitz überführt worden„, wo sich seine Spur verliert. Im Herbst des Vorjahres hatten Justizminister Thierack und Himmler die Überstellung der sicherungsverwahrten Häftlinge zur „Vernichtung durch Arbeit“ in KZs vereinbart.

Der Wiedergutmachungsprozess

Ellen Lydia Liedtke, geboren 1919, hatte sicherlich das, was man eine schwierige Kindheit nennen würde: Ihre Mutter starb 1934, als sie 15 Jahre alt war, und ihr Vater wurde ihr 1941 genommen, als sie 22 Jahre alt war. In der Zeit zwischen diesen beiden Todesfällen lebte sie bei ihrem Vater – ausweislich einiger Zeugenaussagen in den Prozessen in durchaus geordneten und wohlhabenden Verhältnissen. Aber sie suchte – und fand – offenbar enge Bindungen mit schwierigen Zeitgenossen in ungünstigen Zeiten (1). Zunächst verliebte sie sich in einen strammen Nationalsozialisten, Walter Meltzer, geboren am 15. Oktober 1915 in Dresden. Er war ein hoch-dekorierter Luftwaffenpilot mit NSDAP-Mitgliedschaft, der gern SS-Mitglied geworden wäre (Bild 5). Als er nach einer Belobigung ankündigte, Hitler um die Erlaubnis zu fragen, seine jüdische Freundin zu heiraten, wurde er degradiert und verlor als Testpilot am 15. August 1943 sein Leben. Nach seiner Beerdigung versteckte sich Ellen in Schlesien und brachte vier Monate später ihren gemeinsamen Sohn Klaus zur Welt. Es bleibt aus den vorliegenden Unterlagen unklar, ob sie und Walter Meltzer wirklich verheiratet waren, wenngleich sie in allen amtlichen Unterlagen betonte, sie sei eine Witwe.

ild 5: Ellen Liedtke um 1942 und Walter Meltzer als Offizier der Luftwaffe (Fotos aus dem Familienarchiv Liedtke mit freundlicher Genehmigung).

Nach dem Krieg stürzte sie mental ab, versank in Alkohol und in eine tiefe Depression. Sie lernte einen amerikanischen Zionisten kennen, Friedrich Edelmann, mit dem sie nach Palästina zog, aber als er zurück nach Amerika wollte, kehrte sie 1952 mit ihrem Jungen zurück nach München. Sie heiratete am 3. September 1952 den ehemaligen katholischen Mönch und kaufmännischen Angestellten Heinrich Maier, geboren am 7. September 1914. In ihrer Heiratsurkunde von 1952 ist sie als Ellen Meltzer mit evangelischer Religion eingetragen (Bild 6). 

Bild 6: Heiratsurkunde der Ellen Meltzer geborene Liedtke mit Heinrich Maier 1952 (aus: 2).

Im April 1954 stellte sie einen Wiedergutmachungs- bzw. Entschädigungsantrag, dessen vorherrschendes Merkmal ist, dass er vornehmlich auf persönlichen Briefen basierte. Ellen ließ sich in den mehr als zehn Jahre hinziehenden verschiedenen Verfahren nicht von einem Anwalt vertreten, sondern verfasste unzählige handgeschriebene Briefe, Anträge und Anfragen. Sie hatte aber immer auch politische Fürsprecher, die sich ab und zu einschalteten, um den Entscheidungsprozess zu kontrollieren: den Bayerischen Landtagsabgeordneten Erwin Pfeffer (1914-1971), wie Walter Meltzer Luftwaffenpilot im Krieg, den SPD-Bundestagsabgeordneten Prof. Dr. Ernst Schellenberg (1904-1987), und den Berliner Oberbürgermeister Dr. Otto Suhr (1894-1957).

Ihr Gemütszustand und ihre schlechte psychische Verfassung ergeben sich auch aus ihren handschriftlichen Briefen: So schrieb sie am 9. Juli 1963 an das Entschädigungsamt: „Vielen Dank für Ihr freundliches Schreiben, aber mir geht die Geduld aus! Der Krieg ist bereits 18 Jahre her! Mein Vater Theodor Liedtke hat nicht den Krieg verursacht, hat auch keine Rassengesetze gemacht … mein Mann, der Ritterkreuzträger Hauptmann Walter Meltzer ist für das Vaterland abgestürzt. Mir langt es allmählich!“ (2).

Zunächst erreichte sie – als Voraussetzung für die Entschädigungszahlungen – die Aufhebung von zwei Urteilen gegen ihren Vater, zum einen wegen Verstoßes gegen die Zwangsnamen-Verordnung, zum anderen wegen Falschbeurkundung und Betrugs. Beide Urteile wurden durch Gerichtsbeschluss der 13. Strafkammer des Landgerichts Berlin vom 3. Mai 1957 aufgehoben.

Sechs Jahre nach Erstantrag berichtete das Entschädigungsamt dem Senator des Inneren in Berlin, dass von den sechs gestellten Anträgen (Bild 7) der Antrag auf Waisengeld abgelehnt wurde, der Antrag auf Schaden im wirtschaftlichen Vorkommen  zurückgezogen wurde, ein Antrag auf Schaden an Körper und Gesundheit mittels Vergleich beendet wurden (Entschädigung: 1200 DM), ein Antrag auf Schaden an Freiheit (ihres Vaters) durch Zahlung  von 5250 DM beglichen wurde, und zwei Anträge (Schaden an Vermögen, Schaden an beruflichem Fortkommen) noch in Bearbeitung seien. Der Vermögensschaden wurde 1963 mit 4800 DM entschädigt, der Antrag auf Schaden an beruflichem Fortkommen wurde zunächst ablehnt, 1968 aber in einem weiteren Vergleich mit 8075 DM beziffert und bezahlt.

Bild 7: Stellungnahme des Entschädigungsamtes zum Stand der Anträge der Ellen Maier von 1960 (aus: 2).

Ellen Maier geb. Liedtke, zuletzt wohnhaft in Wiesbaden, starb am 21. September 1971 im Alter von nur 52 Jahren an einer Alkoholvergiftung.

Literatur

1. Simon May: How to be a Refugee. Picador Publisher, London 2021.

2. Entschädigungsakte im Berliner Landesamt für Besoldung (LABO), AZ

3. Handelsregister-Akte im Landesarchiv Berlin (LAB), A Rep. 342-02 Nr. 31663.

4. Christoph Kreutzmüller. Ausverkauf. Die Vernichtung der jüdischen Gewerbetätigkeit in Berlin 1930 bis 1945. Metropol Verlag, Berlin 2012

5. Arolsen-Archiv: https://collections.arolsen-archives.org/de/search

6. LAB: A Rep. 358-02 Nr. 31474; Pr. Br. Rep. 030-02-02 Nr. 81.