Familie Popper, Lützowplatz 2

Nach dem Tod von Julius Popper 1884 und einer Würdigung seines Lebenswerkes, bei der uns eine KI geholfen hatte (mittendran vom 10. Dezember 2025) wollten wir eigentlich mit der Lebensgeschichte seine beiden Söhne Martin und Georg weitermachen, die das Haus der Familie Popper in der Krausnickstraße geerbt und verkauft hatten, nachdem auch ihre Mutter 1886 verstorben war. Aber ein Besuch im Grundbucharchiv Berlins (mittendran vom 31. Januar 2026) hatte noch ein paar wichtige Details erbracht, um die Geschichte bis hierhin zu ergänzten.

Das Testament des Julius Popper

Neben Informationen zur Immobilienfinanzierung des Hauses Krausnickstraße 16 beim Kauf und Verkauf, die wir hier nicht weiter ausführen wollen, enthielt die Grundbuchakte zu unserer größten Überraschung eine Kopie des Testaments von Julius Popper, aufgesetzt 1877, neun Jahre vor seinem Tod. Das Testament war insgesamt eher „konventionell“: Julius Popper vermachte all seine Habe seiner Frau, im Falle er stürbe vor ihr, als Vorerbin, d.h. mit dem Recht darüber frei zu verfügen. Bemerkenswert in dem Testament ist allerdings die folgende Formulierung: „Wer von meinen Kindern, sei es selbst oder durch seinen Vormund, dieses Testament anzufechten versuchen sollte, den setze ich zur Strafe für seinen Ungehorsam auf den gesetzlichen Pflichttheil“ (1). Das klingt fast so, als spräche er im patriarchalischen Ton mit seinen beiden zum Zeitpunkt der Testamentsverfassung noch jugendlichen Söhnen, und möglicherweise war es auch so, dass er die Testamentsformulierungen der Familie mitteilte, als er das Testament abfasste. Er war zu diesem Zeitpunkt 55 Jahre, seine Frau war 46 Jahre und seine beide Söhne waren 14 bzw. 15 Jahre alt.

Martin und Georg Poppers Schulzeit

Die beiden Söhne von Julius und Laura Popper waren in Stolp zur Welt gekommen, als Julius noch in einer finanziell eher prekären Situation war. Sie waren ein und zwei Jahre alt, als die Eltern 1863 nach Berlin umzogen (Bild 1), und sind vermutlich dort ab 1868 zunächst in eine der Gemeindeschulen in der Nähe gegangen, wahrscheinlich in die 1. Gemeindeschule in der Gartenstraße 169. Da Schülerlisten der 49 Berliner Gemeindeschulen dieser Jahre nicht archiviert wurden, bleibt dies allerdings eine Vermutung. Aber es war natürlich zu erwarten gewesen, dass die Söhne eines promovierten Akademikers anschließend ein Gymnasium besuchen würden. Wir haben daher die möglichen höheren Schulen in der Umgebung der Wohnung gesucht und deren Jahresberichte durchgesucht, um Spuren von Martin und Georg zu finden. 

Bild 1: Die Brüder Martin (rechts) und Georg Popper im Alter von drei und vier Jahren, gemalt vom Bruder des Vaters, Isidor Popper (1816-1884) um das Jahr 1865 (aus dem Familienarchiv der Nachkommen mit freundlicher Genehmigung).

Die der Wohnung am nächsten gelegene höhere Schule war das erst 1875 eröffnete Humboldt-Gymnasium in der Gartenstraße 25, nicht weit entfernt von der 1. Gemeindeschule. Die Stadtverwaltung hatte 1874 beschlossen „zugleich zwei neue Gymnasien, eins im Südwesten, das spätere Askanische, und eins in dem sonst so arg vernachlässigten Norden, eben unser Humboldt-Gymnasium, zu gründen. Hier hatte die Stadt in dem Gebiete, das als das `Vogtland` nicht gerade in glänzendem Rufe stand, schon im Jahre 1872 einen großen Grundstückkomplex angekauft, der von vornherein für Schulbauten bestimmt worden war.“ (2) (Bild 2).

Bild 2: Das Humboldt-Gymnasium in der Gartenstraße 25 im Jahr 1925 (aus: (2), Fotograf unbekannt, gemeinfrei)

Wie alle höheren Schulen musste auch das Humboldt-Gymnasium einen jährlichen Schulbericht an die Verwaltung abliefern. Die sind heute in Archiven – zumeist digital – zugänglich. Für manche Berliner Gymnasien gibt es darüber hinaus auch die Verwaltungsakten der Schule selbst, z.B. Protokolle der Zeugnis- und Versetzungskonferenz, Abiturarbeiten, Zeugnisabschriften, Namenslisten aller Schüler aller Jahrgänge u.a.m. In den gedruckten Jahresberichten dagegen wurden nur die Abiturienten gelistet und die Schüler, die mit der „mittleren Reife“ abgingen, die sogenannten „Einjährigen“, weil sie mit diesem Abschluss nur eine einjährige militärische Grundausbildung machen mussten statt der üblichen drei oder mehr Jahre für Absolventen der Gemeindeschulen.

Leider gehört das Humboldt-Gymnasium nicht zu den Schulen, bei denen die gesamten Verwaltungsakten erhalten sind, und einige wenige Akten befinden sich zurzeit in der Digitalisierung, aber die Schuljahresberichte weisen die Schüler Martin und Georg Popper in den Jahren aus, in denen sie die Schule vor Erreichen des Abiturs verlassen haben: Martin mit der „mittleren Reife“ in der Obersekunda (1878), Georg bereits ein Jahr früher, in der Untersekunda (1879) (Bild 3). Beide gaben als weiteren Berufswunsch Kaufmann an. 

Bild 3: Schuljahresberichte (Ausschnitt) des Humboldt-Gymnasiums für die Jahre 1878 und 1879 mit den Schulabgängern vor erreichen des Abiturs.

Da die Schule erst 1875 eröffnet wurde, ist unklar, ob und welches Gymnasium sie die ersten Jahren besucht haben. Es mag daher sein, dass dieser Wechsel und die höheren Anforderungen, denen sich das Humboldt-Gymnasium in den ersten Jahren rühmte, dafür verantwortlich sein könnten, dass sie den Anforderungen nicht gerecht wurden. Es fällt auch auf, dass die Zahl der „Pensa“ (vorzeitige Abbrüche der Schullaufbahn) beim Humboldt-Gymnasium außerordentlich hoch war. Dies kann auch dem Umstand geschuldet sein, dass in diesem Teil der Stadt die Schüler vermehrt aus eher kleinbürgerlichen Verhältnissen (Handwerker, Kaufleute) kamen und der traditionelle Mittelstand, der in anderen Stadtbezirken die Mehrzahl der Schüler einer höheren Schule bildete (Beamte, Ärzte, Rechtsanwälte), hier gering war. Wir hatten schon früher angemerkt, dass Julius Popper einer der wenigen akademisch qualifizierten Bewohner der Krausnickstraße war. Der Berufswunsch „Kaufmann“ der beiden Söhne klingt auf den ersten Blick vernünftig, aber für den Vater war dies vermutlich eine herbe Enttäuschung, Ende des sozialen Aufstiegs, den sich alle Eltern für ihre Kinder wünschen und der im Falle einer jüdischen Herkunft sicherlich noch weitaus schwerwiegender war.

Der Kaufmann Georg Popper (1862- 1925)

Lore Armaleos Lebenserinnerungen (3) verdanken wir Informationen über die Berufstätigkeit ihres Vaters, während sie den Beruf seines Bruders Georg offenbar nicht kannte: er starb 1920 an einem Schlaganfall, als sie gerade einmal 7 Jahre alt war. Kenntnis über seinen Beruf erhielten wir stattdessen durch eine Zeitungsanzeige anlässlich seines frühen Todes 1920, in der die Tuchfabrik Wilhelm Sauer aus Forst in der Lausitz an seine zwanzigjährige Tätigkeit als ihr Verkäufer erinnert (Bild 4). Lausitz war ein Zentrum der brandenburgischen Textilindustrie, die Firma war dort 1889 gegründet worden und bestand bis 1936 (4). Georg hatte also um 1900 deren Vertretung in Berlin übernommen, da er zu allen Zeiten seinen Wohnsitz in Berlin hatte. Wo er seine Ausbildung gemacht und die ersten Berufserfahrungen gesammelt hat, lässt sich heute nicht mehr ermitteln.

Bild 3: Schuljahresberichte (Ausschnitt) des Humboldt-Gymnasiums für die Jahre 1878 und 1879 mit den Schulabgängern vor erreichen des Abiturs.

Er heiratete im September 1905 in Berlin Elisabeth Jacobius (1868-1919) (Bild 5), das zweite Kind des Berliner Kaufleute-Ehepaars Samuel Jacobius und seiner Frau Cäcile, geborene Jacoby. Ein Jahr später, am 29. Mai 1906 kam ihr einziges Kind, Adelheid auf die Welt. Georgs Bruder Martin wurde ihr Vormund, da die Mutter bereits im Mai 1919 verstorben war (Bild 6); nur neun Monate später starb Georg an den Folgen eines Schlaganfalls. Das nennt man wohl eine schwere Kindheit und Jugend für Adelheid:  Beide Eltern verloren im Alter von 13 bzw. 14 Jahren, die Mutter „nach langem Leiden“, einer offenbar chronischen Krankheit. Es erklärt vielleicht einige der Eigentümlichkeiten der Persönlichkeit, die in Lores Erinnerungen an Adelheid eine Rolle spielten (3).

Bild 5: Vermählungsanzeige von Georg Popper und Elisabeth Popper geborene Jacobius (Berliner Tageblatt vom 6. September 1905, Seite 11).

Der Banklehrling Martin Popper

Martin Popper, so viel wissen wir aus den Lebenserinnerungen seiner Tochter (3), war musisch hochbegabt und hatte in seiner Schulzeit Klavierunterricht am Stern´schen Konservatorium (5) erhalten, dort allerdings wohl keine Abschlussprüfung abgelegt. Nach seiner Erzählung – in der Erinnerung von Lore – hatte sein Vater Julius, vermutlich um die Zeit seines Abgangs vom Humboldt-Gymnasium, den Leiter des Konservatoriums, Julius Stern (1820-1883) um Rat gebeten, ob er für Martin eine Ausbildung als Pianist in Frage käme. Der Rat von Julius Stern war diesbezüglich abschlägig, so dass Martin im Jahr 1878 eine Lehre als Bankkaufmann bei der Warschauer Bank in Berlin begann. Dazu mehr im nächsten Teil der Geschichte, da wir aus dem Nachlass der Bank, der heute im Archiv der Commerzbank in Frankfurt lagert, noch wichtige Informationen erwarten.

Bild 6: Sterbeanzeige von Elisabeth Popper (Berliner Tageblatt vom 16. Mai 1919, Seite 7) und von Georg Popper neun Monate später (Berliner Tageblatt vom 2. März 1920, Seite 8).

Literatur

1. Grund-Akten betreffend des in der Krausnickstraße 16 in Berlin im Grundbuche von der Königstadt, Band 58 Blatt No. 3223 Artikel verzeichnete Grundstück, Bände 1 bis 3.

2. Festschrift 50 Jahre Humboldt-Gymnasium Berlin 1875 – 1925. Druck August Scherl, Berlin 1925.

3. Lore Armaleo: Lebenserinnerungen 1913-1933 (unveröffentlichtes Manuskript, Rom 1990) (im Archiv der Familie Popper-Armaleo).

4. https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Tuchindustrie_in_Forst_(Lausitz)

5. Cordula Heymann-Wentzel: Das Stern´sche Konservatorium der Musik in Berlin. Rekonstruktion einer verdrängten Geschichte. Dissertation, Berlin, Universität der Künste 2010.

Enthüllung einer Gedenktafel an der Dennewitzstraße

Die Enthüllung einer Gedenktafel ist immer ein Ereignis, das zum Nachdenken anregt, wenn es Opfern zu gedenken gilt: Wer war das Opfer, wie und warum wurde sie/er zum Opfer, wer oder was hat sie/ihn verletzt, getötet, vernichtet? 

Gedenktafeln, die an Täter erinnern sollen, erzwingen dieses Nachdenken: Nicht die Person des Täters sollte im Mittelpunkt stehen, sondern die Umstände, die aus Mitmenschen Täter macht. Es gibt immer viel mehr Täter für jedes einzelne Opfer.

Fast fünfzig Mitmenschen kamen heute an der Dennewitzstraße Ecke Kurfürstenstraße zusammen, um der Enthüllung einer Gedenktafel beizuwohnen, die an die Firma KORI erinnern soll, deren Verbrennungsöfen ab 1939 in den Konzentrationslagern die Ermordung von hunderttausende Menschen erlaubten und erleichterten. Bei KORI an der Dennewitzstraße 35 arbeiteten hunderte Mitarbeiter*innen, die um die Bedeutung ihrer Arbeit für die Vernichtung  jüdischen Lebens in Deutschland wussten. 

Es sprach der Bezirksbürgermeister von Tempelhof-Schöneberg, Jörn Oltmann, es sprach Norbert Peters, der Historiker des Möckern-Kiezes, ein Posaunentrio umrahmte die würdevolle Veranstaltung.

Prof. Dr. Moritz Borchardt, Dörnbergstraße (Teil 2)

Auch wenn bezüglich der genealogischen Herkunft vom Moritz Borchardt, über die wir berichten haben (mittendran vom 17. Januar 2026), in der Vergangenheit einiges falsch und/oder ungenau geschildet wurde, seine schulische und berufliche Ausbildung sind weitgehend korrekt, vollständig und einheitlich erfasst und berichtet (1,2).

Schule, Studium, Medizinische Ausbildung

Moritz Borchardt ging zum Königlichen-Wilhelms-Gymnasium und machte dort, nach zehn Jahren an der Schule und zwei Jahren in der Prima, zu Ostern 1886 das Abitur mit dem Ziel, Medizin zu studieren (Bild 1). Er immatrikulierte sich zum WS 1886/87 an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin im Fach Medizin, aber in den folgenden Semestern studierte er nach eigenen Angaben in Zürich, Heidelberg und Leipzig. In Leipzig legte er im Februar 1892 das medizinische Examen ab, erhielt am 6. März die Zulassung (Approbation) und absolvierte nach eigenen Angaben am 19. Juli die Promotionsprüfung. Seine Doktorarbeit „Über die sogenannte Pseudoleukämie“ ist heute nicht mehr auffindbar. Angeblich wurde sie 1940 unter der Herrschaft der Nationalsozialisten von der Universitätsleitung aus der Bibliothek der Universität entfernt (1), und seine Promotion 1940 in Berlin für ungültig erklärt – diese Entscheidung wurde erst 1998 rückgängig gemacht. Aber es ist komplizierter, denn die Arbeit ist gegenwärtig in keiner deutschen Universitätsbibliothek vorhanden und auch das seinerzeit aktuelle „Jahresverzeichnis der an den deutschen Universitäten erschienenen Schriften„, in der alle Dissertationen aller Universitäten laufend gelistet wurden, kennt Moritz Borchardts Dissertation nicht für die Jahre 1890 bis 1900. Offenbar stimmen allerdings die Meldungen aus Leipzig nicht, denn im Band 7 (15. August 1891 bis 14. August 1892), in der sie hätte genannt werden müssen, wurde nur eine und im Band 8 (15. August 1892 bis 14. August 1893) wurden nur sieben medizinische Dissertationen aus Leipzig gemeldet, im Band 9 hingegen (15. August 1893 bis 14. August 1894) aber fast 100 Arbeiten. Wir haben in Leipzig nachgefragt.

Bild 1: Abiturientenliste des Königlichen Wilhelms-Gymnasiums von Ostern 1886 (aus: Jahresberichte des Königl. Wilhelms-Gymnasiums 1886-87).

Wenn er in Berlin studierte, wohnte er im Elternhaus in der Potsdamer Str. 53. Erstmals im Adressbuch Berlins verzeichnet ist er im Jahr 1893 als Assistenzarzt am gerade erbauten Krankenhaus St. Urban in Kreuzberg, und er wohnt offenbar auf dem Krankenhausgelände (Bild 2). Ausweislich seiner Personalakte (3), die später angelegt wurde, war er dort in den Jahren 1892 bis 1894 als Assistenzarzt in der Inneren Abteilung unter Leitung von Geheimrat Prof. Dr. med. Albert Fränkel (1848-1916) und weitere zwei Jahre (1894-1896) in der Chirurgischen Abteilung bei Geheimrat Prof. Dr. Werner Körte (1853-1937). Aus dieser Zeit stammen seine ersten beiden wissenschaftlichen Publikationen, über die Wirksamkeit von Diäten bei Zuckerkrankheit einerseits und über klinische Verläufe nach Blinddarm-Operationen andererseits. Bis zu seinem Ausscheiden aus der Universität 1935 sollten es mehr als 100 Veröffentlichungen werden (1).

Bild 2: Personal des klinischen Instituts für Chirurgie der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin im Jahr 1905 (aus: Amtliches Verzeichnis des Personals und der Studirenden der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin. Auf das Sommerhalbjahr vom 18. April bis 15. August 1905. Berlin, Gustav Schade Druckerei, 1905)

Im Jahr 1896 wechselte er an die 1. Chirurgische Klinik der Universität unter Leitung von Professor Ernst von Bergmann (1836-1907), die in der Ziegelstraße in Berlin-Mitte lag. Zunächst arbeitete er als unbezahlter „Volontär“, dann als regulärer Assistenzarzt und Privatassistent von Bergmanns; wieder wohnte er auf dem Klinikgelände. Sein Arbeitsschwerpunkt wurde zunehmend die Chirurgie mit Spezialisierung im Bereich der Chirurgie des Nervensystems (Gehirn, Rückenmark). Nach fünfjähriger Assistenzzeit beantragte er 1901 die Ernennung zum Privatdozenten (genannt Habilitation) mit einer Arbeit über die „Behandlung der Pankreasblutung“ – inzwischen war er 2. Assistent der Klinik. Im Jahr 1904 wurde er zum 1. Assistenten (Oberarzt) ernannt und wurde gleichzeitig stellvertretender Leiter der Poliklinik. Aus dieser Zeit stammt ein Foto, das ihn zusammen mit seinem Chef, Professor von Bergmann und dem gesamten Team der chirurgischen Klinik zeigt sowie mit einer Patientin, die operiert werden sollte (Bild 3). Ein Jahr später, am 6. Juni 1905, wurde er zum beamteten, aber unbesoldeten, sogenannten „außerordentlichen“ Professor ernannt, d.h. er bekam kein Professorengehalt, sondern weiterhin das Gehalt eines Assistenten – etwas, was die akademische Tradition auch heute noch kennt: Professur dem Titel nach, sogenannte außerordentliche Professuren, und Professur nach der Position, ordentlich genannt. Und ein weiteres Jahr (1906) später wurde er zum Leitenden Direktor der Chirurgischen Klinik des neuerbauten Städtischen Krankenhauses „Rudolf Virchow“ im Wedding ernannt. Aus dieser Zeit stammt vermutlich auch das älteste Foto, das wir von ihm haben (Bild 4). Es fand sich in einer Publikation über „Jüdische Gelehrte an der Berliner Universität“ aus dem Jahr 1910 (4), die zeigt, dass Moritz Borchardt bereits zu diesem Zeitpunkt ein klinisch und akademisch anerkannter Mediziner war – dazu weiter unten mehr.

Bild 3: Professor Ernst von Bergmann und seine Mitarbeiter. Auf der anderen Seite der Patientin steht sein 1. Assistenz, Moritz Borchart (Quelle: Berliner Leben. Jahrgang 1906, Jahrgang IX, Heft 7, Seite 6; Fotograf: R.Siegert, Charlottenburg, gemeinfrei)
Bild 4: Moritz Borchardt als habilitierter Privatdozent, um 1905 (aus (4), gemeinfrei).

Familiengründung, Umzug in die Kurfürsten- und dann in die Dörnbergstraße

Immerhin konnte er es sich jetzt leisten, eine Familie zu gründen: Er verlobte sich am 8. Februar und heiratete am 7. April 1906 Edith Meyer, geboren am 21. November 1883. Sie war die Tochter eines Arztes aus Charlottenburg, Dr. Max Philipp Meyer (1845-1924) und dessen Ehefrau Agnes, geborene Oppenheimer (1854-1925). In den Jahren zwischen 1907 und 1919 kamen fünf Kinder zur Welt: Dietrich am 24. Februar 1907, Eva am 20. Juni 1908, Gustav am 27. November 1910, Luise am 20. März 1915 und Albrecht am 22. August 1919. Ihr Lebensweg ist in der Familiengeschichte der Borchardts durch Selva Borchardt (5) und bei Eisenberg (1) dokumentiert und soll daher hier ausgespart werden.

Bild 5: Blick in die Dörnbergstraßé von der Lützowstraße. Das dritte Haus auf der rechten Seite ist die Nr. 6, in der Moritz Borchardt wohnte (Quelle: Fotografische Sammlung des Jüdischen Museums Berlin, Sammlung Ruth Westmejer, Fotografie 1933 – 1939, Fotograf unbekannt, Inventar-Nr. 2005/36/58 mit freundlicher Genehmigung).

Bis 1905 (laut Adressbuch) wohnte Moritz Borchardt beim Arbeitgeber, dem jeweiligen Krankenhaus. Nach seiner Heirat zog die Familie in die Kurfürstenstraße 55 (heute die gleiche Hausnummer, das Haus links neben der École Voltaire, ein Neubau), wo sie die nächsten Jahre verbrachte und wo die ersten beiden Kinder zur Welt kamen. Im Jahr 1910 erfolgte dann der Umzug in die Dörnbergstraße, eine kleine und ruhige Nebenstraße zwischen Lützowstraße und Lützowufer, die heute nicht mehr existiert, aber etwa dort war, wo heute die Tiefgaragen-Einfahrt zum Hotel Sheraton ist (Bild 5). Es war eine Straße mit repräsentativen großen Wohnungen auf der Straßenseite, aber vielen Wohnungen in zwei Seitenflügeln und im sogenannten „Gartenhaus“, einem Querflügel im Hinterhaus mit vielen Kleinwohnungen (Bild 6).

Bild 6: Stadtplan von 1928 mit dem blau markierten Haus Dönrbergstraße 6 und der Liste der Bewohner im Jahr 1925.

Moritz Borchardt war kein strenggläubiger Jude, sondern zumindest in den Jahren bis 1933 ein liberaler, an Assimilation interessierter jüdischer Mitbürger, die in Berlin sicherlich zahlreicher waren als an anderen Orten. Zwei ihrer Kinder, Eva und Albert, ließen die Eltern protestantisch taufen. Dies könnte sich mit der antisemitischen Politik der Nationalsozialisten nach 1933 geändert haben. In einem „Gutachten“ aus dem Jahr 1935 attestierte ihm der damalige Sprecher der Dozentenschaft an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin, Professor Dr. Otto Stahl, Direktor der Chirurgischen Abteilung des Auguste-Viktoria-Krankenhauses Schöneberg und strammer Nationalsozialist: Borchardt sei „ein rassebewusster Jude, der hier in Berlin gegen die arische Bewegung im deutsch-österreichischen Alpenverein aufgetreten ist … Wenn er selbstverständlich auch niemals Nationalsozialist sein kann, so bin ich doch der Anschauung, nach sehr genauer Kenntnis seiner Persönlichkeit, dass er niemals gegen den Staat in Wort und Schrift oder Tat auch nur andeutungsweise angehen wird“ (3). Aber da war die Ausreise der Borchardts längst beschlossene Sache.

Eine außergewöhnliche medizinische Karriere

In den mehr als zwanzig Jahren zwischen seiner Ernennung als Direktor der Chirurgischen Klinik des Klinikums „Rudolf Virchow“ im Jahr 1906 und seiner erzwungenen Auswanderung nach Südamerika 1939 legte Moritz Borchardt eine wohl einzigartige medizinische Karriere hin, die nicht nur national, sondern international ihresgleichen sucht. Dazu gehörten weltweit zur Kenntnis genommene Operationen politischer Persönlichkeiten wie die operative Entfernung einer Kugel aus der Halsmuskulatur bei Wladimir Iljitsch Lenin (1870-1924) im Jahr 1922 und die Operation eines durchgebrochenen Blinddarms beim ehemaligen Reichstagspräsident Paul Löbe (1875-1957) im Jahr 1927 (Bild 7) ebenso wie Operationen am menschlichen Hirnstamm, die Chirurgen bis dahin für nicht-operierbar hielten; und er erfand neue technische Hilfsmittel für solche Hirnoperationen, z.B. die sogenannte Borchardt´sche Pflug-Fräse (1). Dazu im nächsten Teil mehr.

Bild 7: Moritz Borchardt mit seinem Patienten Paul Löbe im Jahr 1927 nach der Operation (Quelle: Schwerter Zeitung vom 17.3.1927, Seite 5, gemeinfrei)

Literatur

1. Ulrike Eisenberg, Hartmut Collmann, Daniel Dubinski: Verraten – Vertrieben – Vergessen. Werk und Schicksal nach 1933 verfolgter deutscher Hirnchirurgen. Hentrich & Hentrich Verlag, Berlin 2017, Seite 33-64.

2. Christian Pross, Rolf Winau: nicht mißhandeln. Das Krankenhaus Moabit. Edition Hentrich im Verlag Frölich & Kaufmann, Berlin 1984, Seite 152-158.

3. Personalakte Moritz Borchardt im Archiv der Humboldt-Universität, Signatur B 331.

4. Carl Pinn: Jüdische Dozenten an der Berliner Universität. Ost und West, Illustrierte Monatsschrift für das Moderne Judentum 1910, Seite 639-654 (Teil 1) und 740-752 (Teil 2).

6. Selva Borchardt: Woher komme ich, Mae? Unveröffentlichtes Manuskript, o.O. (Köln), o.J. (2021)

Die Familie von Ernst Liedtke, Blumeshof 12 (Teil 8)

Fast fünfundzwanzig Jahre wohnte die Familie von Ernst Liedtke am Blumeshof 12, von 1910 bis 1934 (Bild 1). Wir wollen zum Abschluss dieser Familiengeschichte noch einen Blick in die Wohnung und in die Nachbarschaft werfen.

Das Haus Blumeshof 12

Das Haus war 1871 bis 1873 gebaut worden, es war die Erstbebauung dieses zunächst als Privatstraße geplanten Terrains, das bis 1861 dem Unternehmer Jungbluth gehörte, der hier einen Gewerbehof betrieben hatte (mittendran vom 7. September 2023). Jungbluth verkaufte es an den Bankier Johann Carl Blume, der das Terrain parzellierte und weiterverkaufte. Auf diese Weise entstanden bis 1874 sechzehn Wohnhäuser zwischen der Lützowstraße und dem Schöneberger Ufer, mit repräsentativen Straßenfronten (Bild 2), aber durchaus auch vielen engen Hinterhöfen zwischen Seiten- und Querflügeln. Daher entstammten die Einwohner der sozialen Mittel- und Oberschicht ebenso wie der Arbeiterschaft, ein Querschnitt der Berliner Bevölkerung, wenn man sich die Berufe der etwa 100 Mieter (Familien) zu jedem Zeitpunkt zwischen 1880 und 1935 anschaut. Blumeshof 12 machte da keine Ausnahme. Gegen Ende der Periode wurden mehr und mehr Wohnungen durch Büroräume ersetzt, da die Nähe zum Regierungsviertel die Lage attraktiv machte für Firmen, Kanzleien, Hotels und Behörden, und dies die Preise nach oben trieb.

Screenshot

Das Haus Blumeshof 12 war, von der Lützowstraße kommend, das dritte Grundstück auf der rechten Seite. Blume verkaufte dieses Grundstück 1864 an den Kaufmann Carl Adolf Stein, der einen ersten Bauantrag stellte für ein Wohnhaus mit zwei Seitenflügeln und Quergebäude. Das wurde jedoch nicht genehmigt, weil der vorgesehene Innenhof nicht ausreichend war – er musste nach feuerpolizeilicher Vorschrift mindestens fünf Meter Durchmesser haben, damit der Löschwagen wenden konnte. Im Zuge einer Zwangsversteigerung erwarb Maurermeister Albert Friedrich Krause 1871 das Grundstück sowie ein Nachbargrundstück (Nr. 13) und legte einen veränderten Bauplan vor mit je nur einem Seitenflügel, der schließlich genehmigt wurde. In den folgenden drei Jahren entstanden hier zwei vierstöckige Wohnhäuser, die ab 1874 je vier Mieter hatten. 

Nach Krauses Tod 1912 gingen die Immobilien an seine Erben und 1920 im Zuge einer weiteren Zwangsversteigerung an den Architekten Beschmidt und Angehörige. Im Jahr 1934 kaufen der jüdische Arzt Paul Seelig und seine Frau Olga die beiden Gebäude von einer Immobilien-Verwaltungsgesellschaft, mussten aber 1939 zwangsverkaufen an den Kommerzienrat Arthur Francke, an dessen Erben sie 1942 übergingen; zu diesem Zeitpunkt waren vornehmlich Büros in den beiden Gebäuden Nr. 12 und 13. Im Bombenkrieg von 1943 wurden beide Gebäude zerstört (Bild 3). Nach dem Krieg kaufte die Stadt Berlin die Grundstücke von der Jewish Restitution Successor Organization, der Vertretung der vertriebenen jüdischen Eigner 1934-1939, Olga und Paul Seelig.

Die Wohnungen im Blumeshof 12

Das Haus grenzte an der Rückseite an den Garten des Elisabeth-Krankenhaus, zwischen den Häusern Nr. 12 und 13 gab es vermutlich einen Weg auf das Krankenhausgelände. Es hatte eine moderat dekorierte Fassade ohne Balkone (Bild 4), aber mit Erkern im zweiten und dritten Stock. Jede der vier Wohnetagen hatte eine Grundfläche von etwa 250 qm, mit großen Zimmern an der Straßenfront und weiteren Zimmern entlang eines langes Flurs im Seitenflügel mit Blick auf den engen Innenhof. Am Ende des Flures befand sich ein weiteres Zimmer im Quergebäude, das auch über eine weitere Treppe erreichbar war und oftmals separat genutzt oder vermietet werden konnte, z.B. für Hauspersonal oder Untermieter. In den 30-er Jahren wurden diese Wohnungen oftmals aufgeteilt.

Wir wissen aus einer Quelle (1), dass die Familie Liedtke Nachbarn über sich und unter sich hatte; unten wohnte Paul von Schlippenbach (1869-1933) und seine Frau, und oben war die Wohnung von Hedwig Schoenflies (1845-1908), die Großmutter mütterlicherseits von Walter Benjamin (1892-1940). Aber Hedwig Schoenflies, deren große Wohnung Walter Benjamin in seiner „Kindheit in Berlin um Neunzehnhundert“ (2) erlebt hatte, wohnte hier nur von 1897 bis 1906, da war Ernst Liedtke noch nicht verheiratet und lebte und arbeitete noch in der Lutherstraße. Und der Schauspieler und Kunstmaler Paul von Schlippenbach und seine Frau zogen erst 1928 ein und nutzen die Wohnung für „das kleinste Theater Berlins“ (3). Da ist es schwierig festzustellen, wer denn nun die beste Wohnung im Haus, die sogenannte Beletage bewohnte.

Wir haben es systematisch versucht, indem wir die Mieter und deren Wechsel von Jahr zu Jahr zwischen 1895 und 1933 aufgelistet haben, aber das führt hier zu weit. Vermutlich wohnte der Bankier Julius Landau lange Zeit in der ersten Etage, und über ihm Hedwig Schoenflies in der größten der Wohnungen, die auch die höchste Deckenhöhe (4,06m) hatte. Die Kanzlei der japanischen Botschaft zog ein, als Julius Landau an den Lützowplatz umzog (1906), und die Familie Liedtke zog einige Jahre nach dem Auszug von Hedwig Schoenflies (1907) in die Etage, die sie vorher bewohnt hatte. In all den Jahren hatte im Souterrain immer auch neben dem Portier ein Handwerker (Schlosser), eine Putzmacherin (Hutmacherin), ein Kutscher, eine Friseurin oder eine Haarhandlung Wohnung und vermutlich Arbeitsplatz.

Die Wohnung der Familie Liedtke

Verglichen mit heutigen „bürgerlichen“ Wohnungen waren die Wohnungen um und nach der Jahrhundertwende 1900 dunkel. Das lag nicht nur an verhältnismäßig kleinen Fenstern, sondern auch daran, dass im Inneren dunkle Farben bevorzugt wurden, schwere Brokatvorhänge, dunkle Tapeten, dunkles Parkett und Teppiche. Genau so sah es auch bei den Liedtkes aus, von deren Wohnzimmer es ein Foto gibt (Bild 5) (1).

Die Wohnung hatte an der Fensterfront zwei große Zimmer, die vermutlich beide als Wohnräume genutzt wurden, und dazwischen einen kleineren Raum, den man in Berlin das „Berliner Zimmer“ nannte, ein meist quadratischer Zwischenraum, der die beiden Zimmer verband und unterschiedliche Funktionen haben konnte: Ankleidezimmer, wenn eines der beide großen Räume ein Schlafzimmer war, Arbeitsraum oder ein gemütlicher Rückzugsort. Das Berliner Zimmer hatte meist keine Fenster, aber in der Liedtke´schen Wohnung hatte es einen Erker mit viel Fensterfläche zur Straße raus (Bild 7) (4). Möglicherweise war der zweite Raum auf der anderen Seite des Berliner Zimmers der Raum, in dem musiziert wurde, der also zumindest einen Flügel enthalten haben muss. Details zu den musikalischen Qualifikationen und Unternehmungen beider Eltern und aller drei Töchter hat Simon May in seinem Buch beschrieben (1).

Vermutlich lagen die Schlafzimmer alle entlang des langen Flures, und sicherlich war so viel Platz, das jedes der drei Mädchen ihr eigenes „Reich“ haben konnte. Laut Grundriss waren dies insgesamt fünf größere und kleinere Zimmer mit Fenstern zur Gasse zwischen Nr. 12 und Nr. 13, und zwei kleinen Balkonen. Interessant ist der Raum am Ende des Ganges in den kurzen Querflügel: Man könnte sich vorstellen, dass dies als exklusives Arbeits- und Besprechungszimmer des Rechtsanwalts und Notars Ernst Liedtke diente, oder als Gästezimmer für Besucher, die die Familie hatte, und vielleicht auch später das Fotostudio beherbergte, dass die älteste Tochter betrieb.

Bleibt eine letzte Frage, die zu beantworten nicht ganz leichtfällt: Da die Liedtkes kein eigenes Haus hatten, was mögen sie für diese Wohnung an Miete bezahlt haben? Wir haben von diesem Haus keine Angaben über Mieteinnahmen gefunden, kennen aber Mietpreise in Objekte in unmittelbarer Nähe, am Lützowplatz, aus dieser Zeit. Dort hatte die Finanzverwaltung 1888 die Eigentümer der Häuser rund um den Lützowplatz (mittendran vom 26. Januar 2025) nach den Mieten befragt und festgelegt, welchen Geldwert eine Wohnung bei Eigennutzung hatte (5). Grob gesagt betrug die Jahresmiete einer 300 qm Wohnung im Mittel etwa 3000 Reichsmark, was einem heutigen Geldwert von ungefähr 25.000 € entspricht (6). Wohlgemerkt handelt es sich um die Jahresmiete, nicht die Monatsmiete, die hätte dann etwa bei einem 2000 €-Kaufkraft-Äquivalent gelegen. Da die Wohnungen am Lützowplatz exklusiver waren als im Blumeshof (allein schon wegen der Lage am Platz), nehmen wir an, dass die zwischen 250 qm große Wohnung der Liedtkes im Jahr 1910 vielleicht eine Jahresmiete von 2500 Mark kostete, bei einem Jahreseinkommen des Ernst Liedtke von mehr als 50.000 Mark, wie im Entschädigungsverfahren nach dem Krieg (mittendran vom 26. Oktober 2025) geschätzt worden war. Der Anteil der Miete an den Lebenshaltungskosten war also vor 100 Jahren mit 5% deutlich geringer als heute.

Abschluss unserer Geschichte, nicht Ende der Familiengeschichte

Ernst Liedtke starb an einem Herzanfall im Dezember 1939 vor dem Haus im Blumeshof, nachdem ihm die Nationalsozialisten im Frühjahr des Jahres die Ausübung seines Berufes aufgrund des antisemitischen Gesetzes über die „Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ (7) untersagt hatten. Im Entschädigungsverfahren nach dem Krieg wurde dieses Berufsverbot als Ursache seines Todes gutachterlich anerkannt (8). Seine Frau und seine Töchter überlebten den Nationalsozialismus auf eigentümliche und eindrucksvolle Weise, wie Neffe Simon May in seinem Buch (1) beschrieben hat. Dieses Buch sei den Lesern dieser Geschichte abschließend ans Herz gelegt.

Literatur

1. Simon May: How to be a Refugee. Picador Publisher, London 2021.

2. Walter Benjamin: Berliner Kindheit um Neunzehnhundert. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2010.

3. „Die kleinste Bühne Berlins“. Artikel in der Neuen Berliner Zeitung vom 4. November 1929 (Nr. 259).

4. Landesarchiv Berlin: Bauakte Blumeshof 12, B Rep. 202 Nr. 2955.

5. Landesarchiv Berlin: Acten der Stadtverordneten-Versammlung zu Berlin betreffend den Lützowplatz A Rep. 000-02-01 Nr. 734.

6. Kaufkraft-Äquivalente historischer Währungen.

7. https://de.wikipedia.org/wiki/Gesetz_zur_Wiederherstellung_des_Berufsbeamtentums

8. Rentenakte im Entschädigungsamt Berlin, Nr. 212.762.

Prof. Dr. Moritz Borchardt, Dörnbergstraße (Teil 1)

Über den Berliner Arzt Moritz Borchardt (1868-1948) (Bild 1) und seine Vorfahren ist schon einiges geschrieben worden (1-3), aber nicht alles stimmt, und nicht alles ist leicht überprüfbar. Das fängt schon mit dem Satz an, auf den sich alle berufen, nämlich dass er „aus einer seit Jahrhunderte in Berlin ansässigen jüdischen Kaufmannsfamilie“ stamme (1). Oder noch präziser: „Vorfahren gehören zu den 50 jüdischen Familien aus Wien, denen der Große Kurfürst 1673 die Ansiedlung in Berlin gestattet hatte„.

Bild 1: Moritz Borchardt zwischen vor 1910 (aus: Carl Pinn, Jüdische Dozenten an der Berliner Universitaet; Ost und West, Illustrierte Monatsschrift für das Moderne Judentum 1910, Seite 742; Fotograf unbekannt, gemeinfrei)

Die Vorfahren

Bereits eine einfache genealogische Recherche bei Ancestry zeigt uns heute, dass sein Großvater Moses Moritz Borchardt (1802-1864) noch in Schwerin an der Warthe (Provinz Posen) geboren wurde und ausweislich der Judenbürgerbücher von Berlin (4) etwa im Jahr 1806 nach Berlin kam, wo dessen Vater, Israel Moses Borchardt (1763-1832) am 1. April 1829 das Bürgerrecht erhielt und ein Tuchgeschäft eröffnete. Dieser Israel Moses Borchardt wurde auch auf der Liste der Berliner Juden (5) geführt, die 1812 aufgrund eines Ediktes Friedrich Wilhelm III.  Familiennamen annehmen mussten (Nr. 213), zusammen mit weiteren Personen dieses Namens: Die Handlungsdiener Theodor Borchardt (200) und Leopold Borchardt (201), die unverheiratete Henriette Borchardt (202) und die Witwe Hanne Borchardt geborene Stern (273). Dabei handelte es sich um entfernte Verwandte des Israel Moses Borchardt, und die Borchardts führten diesen Familiennamen schon seit mehr als 100 Jahren.

Zu diesem Zeitpunkt gab es in Berlin eine weitere Familie mit dem Namen Borchardt, deren Vorfahre, Moritz Jacob Salomon Borchardt (1785-1860) im Jahr 1821 nach Berlin kam, aber 1814 in Stettin das Bürgerrecht erworben hatte (6). Und natürlich hatten beide Familien gemeinsame Vorfahren: Dazu muss man allerdings noch ein paar Generationen weiter zurückgehen. Über diesen Zeitraum waren alle Angehörigen dieser verzweigten Familie in unterschiedlichen Städten ansässig, nicht jedoch in Berlin, und zwar in den hinter-pommerschen Gemeinden Köslin, Körlin, Schlawe, Schwerin und Stolp. Ihren Ursprung hatten die Borchardts dagegen in Halberstadt im Harz, das 1648 nach dem 30-jährigen Krieg zu Brandenburg kam und das eine große jüdische Gemeinde hatte. 

Seit 1573 gab es in Brandenburg keine Juden mehr; sie waren nach der Hinrichtung des jüdischen Münzmeisters Lippold (1530-1573) wegen eines angeblichen Verbrechens, dass er nur unter Folter eingestanden hatte, des Landes vertrieben worden. Im Jahr 1671 erlaubte Friedrich Wilhelm (1620-1688), der Große Kurfürst, 50 jüdischen Familien, die in den Jahren zuvor aus dem katholischen Wien unter anderem nach Halberstadt eingewanderte, sich in Brandenburg für 20 Jahre niederzulassen; dies hatte vor allem ökonomische Gründe – „zur Beforderung des Handels und Wandels – da das Land nach dem 30-jährigen Krieg (1618-1648) entvölkert und verarmt war. Die meisten von ihnen zogen nach Berlin, aber auch in andere brandenburgische Städte und Gemeinden (7); die Borchardts gehörten nicht dazu. 

Im Jahr 1691, bei Erneuerung und Erweiterung des Schutzbriefes durch Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg (1657-1713), zogen die Borchardts von Halberstadt nach Köslin (heute: Koszalin, Polen) in Pommern. Also nicht „seit Jahrhunderten“, sondern seit 1806, gerade einmal 60 Jahre war die Familie in der Stadt, als Moritz Borchardt am 6. Januar 1868 das Licht der Welt erblickte. 

Die übersichtlichste Generationenfolge des uns interessierenden Zweigs der Familie findet sich bei Selva Borchardt, einer Urenkelin Moritz Borchardts, die ihre Familiengeschichte 2021 veröffentlichte (8); danach lässt sich der Stammbaum dieser Borchardt-Linie bis etwa 1700 zurückverfolgen (Bild 2). Nimmt man die Recherchen zu der anderen „Berliner Familie“ (6) hinzu, reicht die Stammfolge bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts, kurz nach dem 30-jährigen Krieg. Kinderreich war die Familie in den meisten Generationen: Die in beiden Genealogien ältesten, gut dokumentierten Vorfahren, Philipp (Baruch) Borchardt (1676-1753) und seine Frau Edel (Eitel) (um 1679-1753) hatten zehn Kinder, alles Söhne, die das Erwachsenenalter erreichten, und auch spätere Generationen waren mit vielen Kindern gesegnet: Moritz Borchardts Urgroßvater Israel Moses Borchardt (1763-1832) und seine Frau Maike geborene Michel hatten noch sieben Kinder, während der Großvater Moses Borchardt (1835-1897) und seine Frau Rosalie geborene Magnus nur noch drei Kinder hatten. 

Bild 2: Genealogische Abstammungslinie von Gustav Borchardt, dem Vater von Moritz Borchardt (erstellt nach Angaben in (6) und (8)).

Normalerweise reichen Vorname und Name zusammen mit dem Beruf und dem Geburtsjahr aus, eine Person in Archivalien und Dokumenten eindeutig zu identifizieren. Das war in diesem Fall anders: Es gab in Berlin zwischen 1886 und 1938 einen weiteren Arzt mit dem Namen Moriz Borchardt (manchmal falsch Moritz Borchardt geschrieben), der ebenfalls 1868 geboren wurde (allerdings in Posen), und beide hatten zumindest einige Semester gleichzeitig in Berlin Medizin studiert. Das hat es anfänglich schwierig gemacht, ihre nachfolgenden beruflichen Karrieren auseinander zu halten. Erst durch Zugang und Einsicht in die später angelegte Personalakte „unseres“ Moritz Borchardt im Archiv der Humboldt-Universität (9) hat sich die Situation geklärt, da sich darin ein wissenschaftlicher Lebenslauf befand mit Angaben über die medizinischen Ausbildungsstationen – wobei wir keineswegs die ersten waren, die diese Akten eingesehen haben (1-3).

Die Herkunftsfamilie

Moritz Borchardts Großvater Moses (Moritz) Borchardt (1802-1848) war Kaufmann für Schnittwaren (= Stoffe), wie viele Juden dieser Zeit; der Zugang zu anderen Berufen war durch Zunft-Regeln und andere Vorschriften noch für viele Jahre beschränkt. Er diente zwölf Jahre im Geschäft des ebenfalls aus Schwerin a.W. stammenden und 1818 in Berlin naturalisierten Seidenwaren-Fabrikanten Jean Benda (1791-1870) in der Probstgasse 6.  Am 6. Mai 1834 heiratete er Rosalie (Röschen) Magnus, Tochter des Kaufmanns Joseph Israel Magnus (1768-1819) aus der Klosterstraße 42 (4). Aus dieser Ehe entstammten drei Kinder, zwei Mädchen (Rosalie und Fanny) und Gustav Borchardt (1835-1897). Der heiratete am 20. März 1864 Emma Wolffenstein (1845-1918), die einer anderen Linie der Borchardt-Familie aus Halberstadt entstammte (8). Sie hatten drei Kinder, zwei Mädchen (Henriette und Malwine) und Moritz Borchardt, unser Protagonist.

Da die Vorfahren bislang weitgehend Kaufleute geworden waren, so wurde Gustav Borchardt dies ebenfalls, brachte es aber bis zum Stadtrat von Berlin. Er war nicht, wie in vielen genealogischen Foren wie MyHeritage vermerkt, Arzt, das war erst seinem Sohn vorbehalten: um 1850 war den Juden in Preußen zwar ein Studium erlaubt, aber eine Promotion war nur in Ausnahmefällen möglich. Die förmliche Gleichstellung erreichten sie erst mit der Reichsgründung 1871, und auch dann gab es immer noch viele Einschränkungen.

Großvater Moses hatte sein Geschäft 1829 in der Heiliggeiststraße 26-28 eingerichtet, und dort wohnte er auch in den nächsten 15 Jahren. 1843 hatte er das Nachbarhaus (Nr. 29) in dieser nach heutigen Maßstäben idyllischen Straße im Heiliggeistviertel gekauft (Bild 3) und zog dort ein, das Geschäft blieb bis 1845 im Nachbarhaus, das dem Tabakfabrikanten Prätorius gehörte, dann wurde auch das Geschäft in die Nr. 29 verlegt. Ob die wenige Häuser weiter (Nr. 24) bestehende Bierschänke einem Verwandten mit gleichen Namen gehörte, lässt sich nicht mehr feststellen.

Bild 3: Blick in die Heiliggeiststraße auf das Eckhaus mit der Nr. 23, rechts davon die kleineren Häuser mit den Nr. 22 bis 16. Das Borchardt´sche Haus Nr. 26 bzw. 29 lag dieser Reihe gegenüber und dürfte ähnlich ausgesehen haben (Aufnahme von 1896, Fotograf Georg Bartels. Stiftung Stadtmuseum VI 65-793 V, mit freundlicher Genehmigung).

Nach dem Tod des Moses Borchardt am 10. März 1864 hatte sein Sohn Gustav Borchardt das 1829 gegründete „Borchardt´sche Weißwaaren und Seidenband-Geschäft“ übernommen und es nach weiteren 15 Jahren zum 50-jährigen Jubiläum am 1. Januar 1879 seinem Vetter und langjährigen Mitarbeiter Isidor Mannheim übergeben (Bild 4) – Gustav war jetzt 44 Jahre alt. Er wohnte seit 1868 als „Rentier“ (von seinen Einnahmen lebend) in der Potsdamer Straße 52 – zwischen der Kurfürstenstraße und der Bülowstraße stadtauswärts rechts, heute die Nr. 130.

Bild 4: Zeitungsmeldung der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung vom 4. Januar 1879 zum 50-jährigen Jubiläum der Firma Borchardt.

Aber er war offensichtlich zu jung, um sich zur Ruhe zu setzen und begann eine politische Karriere: er kandidierte 1878 erfolgreich zunächst als Bezirksvorsteher des Bezirks Nr. 51 (Botanischer Garten). Jeder der 326 Berliner Bezirke in den Jahren um 1880 – nicht vergleichbar mit den heutigen Stadtbezirken – hatte einen Stadtverordneten, einen Bezirksvorsteher, einen Schiedsmann, einen Armen-Kommissionsvorsteher, einen Gemeinde-Waisenratsvorsteher und einen Armenarzt. 1880 kandidierte er für den Posten eines Stadtverordneten, der in der Stadtverordneten-Versammlung (SVV, dem Kommunalparlament 1809-1948, heute Abgeordnetenhaus) in der Regel mehrere dieser Bezirke vertrat – Gustav kandidierte erfolgreich für die Bezirke 55 bis 58. Er war einer von etwa 122 Stadtverordneten bis zum Jahr 1885, dann wurde er zum Stadtrat ernannt, einem der etwa 30 Stadträte Berlins, die für einzelne Funktionen im Magistrat zuständig waren, z.B. Bau, Finanzen, Soziales, Schulen etc. Neben den von der Stadt besoldeten Stadträten gab es acht unbesoldete Stadträte, Gustav Borchardt war einer von ihnen. Dies blieb er bis zu seinem Tode am 5. November 1897 im Alter von 62 Jahren, zuletzt mit täglichen Sprechstunden im Rathaus. Auf dem Weg nach „oben“ sammelte Gustav Borchardt Lorbeeren: Vorstandsposten in sozialen Institutionen (Armenhaus-Verwaltung, Waisenkinder-Schutzbund) und den königlichen Kronen-Orden. Zur Trauerfeier erschienen die Honoratioren der Stadt und der Bürger (Bild 5).

Bild 5: Zeitungsmeldung der Berliner Börsen-Zeitung vom 10. November 1897 zum Tode Gustav Borchardts.

Ab 1889 wurde das ehemalige Grundstück des Bankiers Johann Gottfried Siegmund (1792-1865) im heutigen im Hansa-Viertel erschlossen und es entstand die Straße Siegmundshof. Die Nr. 18 (heute Nr.19) war die neue Villa der Borchardts, wo die Familie ab 1892 wohnte (Bild 6). Das kann man eine erfolgreiche Karriere nennen: vom Seidenwarenhändler zum Stadtrat, von der Mietwohnung im Heiliggeist-Viertel zur Stadtvilla im Hansa-Viertel, und der Sohn auf dem besten Wege, einer der besten Chirurgen seiner Zeit zu werden. Dazu mehr im nächsten Teil der Geschichte.

Bild 7: Straube-Plan von Berlin (Ausschnitt) von 1910 mit dem markierten Haus der Familie Gustav Borchardt im Siegmunds Hof Nr. 18.

Literatur

1. Ulrike Eisenberg, Hartmut Collmann, Daniel Dubinski: Verraten – Vertrieben – Vergessen. Werk und Schicksal nach 1933 verfolgter deutscher Hirnchirurgen. Hentrich & Hentrich Verlag, Berlin 2017, Seite 33-64; siehe auch: Gleis 69, Gelebte Erinnerung in Berlin-Tiergarten.

2. Christian Pross, Rolf Winau: nicht mißhandeln. Das Krankenhaus Moabit. Edition Hentrich im Verlag Frölich & Kaufmann, Berlin 1984, Seite 152-158.

3. Rebecca Schwoch: Berliner jüdische Kassenärzte und ihr Schicksal im Nationalsozialismus. Verlag Hentrich & Hentrich, Berlin 2009, Seite 126 f.

4. Jacob Jacobson, Hrsg.: Die Judenbürgerbücher der Stadt Berlin 1809 – 1881. Verlag Walter de Gruyter & Co., Berlin 1962.

5. Amtsblatt der Königlichen Churmärkischen Regierung zu Potsdam 1814 (Beilage zum 40ten Stück des Amtsblatts), Verzeichnis der in den Städten und auf dem platten Land des churmärkischen Land wohnenden Juden …

6. Dagmar Frings, Jörg Kuhn: Die Borchardts. Auf den Spuren einer Berliner Familie. Verlag Hentrich & Hentrich 2011.

7. Irene A. Diekmann: Juden in Brandenburg (1671 bis 1871), publiziert am 07.12.2017; in: Historisches Lexikon Brandenburgs, URL: http://www.brandenburgikon.de.

8. Selva Borchardt: Woher komme ich, Mae? Unveröffentlichtes Manuskript, o.O. (Köln), o.J. (2021)

9. Personalakte Moritz Borchardt im Archiv der Humboldt-Universität, Signatur B 331.

Die Familie von Ernst Liedtke, Blumeshof 12 (Teil 7)

Dass es zwischen 1910 und 1942 zwei Personen mit dem Namen „Theodor Liedtke“ in Berlin gab, haben wir durch Simon Mays Buch erfahren (1); er glaubte nicht, dass „der andere Theo“ zur gleichen Familie gehörte, aber das konnten wir lückenlos beweisen: Theo 2 war der Sohn eines Bruder seines Urgroßvaters Meyer Liedtke, mithin ein Großonkel 2. Grades, während der Theo 1, den wir neulich hier besprochen hatten, sein Großonkel 1. Grades war, Bruder von Ernst Liedtke, seinem Großvater. Aber zu wissen, dass beide zur Familie gehörten, macht die Einträge zum Beispiel im Adressbuch noch nicht eindeutig und unterscheidbar, insbesondere wenn sie auch noch den gleichen Beruf (Kaufmann) hatten und beide 1942 wegen ihrer jüdischen Herkunft von den Nazis nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurden. Der „andere Theo“ hatte eine eigene Lebensgeschichte, die hier gewürdigt werden soll; sie ist im übrigen ungleich besser dokumentiert als die von Theo 1, aus speziellen Gründen, wie wir gleich sehen werden. 

Herkunft und Berufstätigkeit des „anderen Theo“

In der Entschädigungsakte im Landesamt für Besoldung (2), die seine Tochter Ellen 1956 veranlasst hatte (s. unten), fand sich ein Lebenslauf von Theo 2 aus der Sicht seiner einzigen Tochter Ellen, die bis zu seiner Verhaftung 1941 mit ihm zusammen wohnte. Dieser Lebenslauf ist die bislang ausführlichste Dokumentation seines beruflichen und privaten Lebens (Bild 1). Er bestätigt Abwesenheit von Berlin aus beruflichen Gründen ebenso wie eine Zeit im Militärdienst.

Bild 1: Lebenslauf (Auszug) des Theodor Liedtke, erstellt von seiner Tochter Ellen 1956 (aus: 2).

Außerdem gibt es eine Handelsregister-Akte im Landesarchiv (3), die zeigt, dass er 1921 in Berlin eine Handelsfirma für Schürzen, Jüpons und Kleidchen eröffnete, um diese Vertretungen von Fremdfirmen in Berlin zu übernehmen; die Firma wurde mit der Nr. 97938 am 1. Februar 1921 im Handelsregister A eingetragen. Im ersten Jahr wurde sein Jahreseinkommen auf 8.000 Mark (auf Provisionsbasis) geschätzt, so dass seine Steuer auf 80 Mark festgesetzt wurde. Die tatsächliche Geschäftsentwicklung lässt sich aus den Unterlagen nicht ersehen, aber auf Nachfrage des Amtsgerichts vom Mai 1938 bestätigte die Industrie- und Handelskammer Berlin, dass das Unternehmen von vollkaufmännisch tätig sei bei unveränderten Rechtsverhältnissen. Zwei Jahre später, am 1. Dezember 1941 berichtete die IHK, dass der Betrieb eingestellt wurde. 

Mit Datum vom 31. Dezember 1941 erklärte der Untersuchungsgefangene Theodor Liedtke, in Haft wegen „Betr u.a.“ in einem Formblatt gegenüber dem Amtsgericht, dass das unter seinem Namen betriebene Geschäft nicht mehr existiere, die Eintragung in das Handelsregister erloschen sei und dass die letzte Zahlung der Gewerbesteuer im Frühjahr 1941 an das Bezirksamt Schöneberg erfolgt sei (Bild 2). Das Amtsgericht veranlasste daraufhin die Löschung der Firma. Die Geschichte der Firma Liedtke ist in der Datenbank jüdischer Gewerbebetriebe bei Kreutzmüller (4) dokumentiert. 

Bild 2: Erklärung zur Löschung des Handelsgeschäftes von 1941 (au: 3).

Theodor Liedtke, 1887 in Berlin als einziger Sohn jüdischer Eltern, Schier (Simon) Liedtke und dessen Ehefrau Lydia Freudenberg, geboren, hatte am 14. August 1915 die Emma Martha Oppenheim geheiratet, die 1892 in Berlin zur Welt kam – Emma war ohne Beruf und uneheliches Kind der Näherin Anna Oppenheim (1892-1949). Wir können davon ausgehen, dass diese im Krieg geschlossene Ehe in einem Heimaturlaub des Soldaten Theodor Liedtke stattfand. Ihr einziges Kind, ihre Tochter Ellen kam erst nach dem Krieg zur Welt, am 8. August 1919. Als Ellen 25 Jahre alt war, starb ihre Mutter Emma am 21. Dezember 1934 im St. Norbert-Krankenhaus in Schöneberg im Alter von nur 42 Jahren. Ob sie angesichts und in Folge der zunehmenden Verfolgung jüdischer Familien starb oder an einer tödlichen Erkrankung ergibt sich aus den Unterlagen nicht. Sie selbst hatte als Halbjüdin einen arischen Vater, wie eine Abstammungsurkunde für ihre Tochter Ellen aus dem Jahr 1943 belegt (Bild 3).

Bild 3: Abstammungsurkunde des Reichssippenamtes Berlin für Ellen Liedtke von 1943 (aus: 2).

Der Prozess wegen Urkundenfälschung und Betrug

Nach Aussage seiner Tochter Ellen wurde er am 24. Mai 1941, wie viele Juden, „in das jüdische Lager Berlin befohlen“ – er ist unklar, ob es sich dabei um das Konzentrationslager (KZ) Sachsenhausen bei Oranienburg handelte oder um dessen Außenlager Neuengamme; in Sachsenhausen gibt es keine Unterlagen über ihn, wie die Leiterin Dr. Astrid Ley auf Anfrage mitteilte. Sie vermutet, dass Theodor Liedtke nach der Verhaftung „über das KZ Neuengamme nach Dachau verschleppt wurde, wo damals die meisten jüdischen KZ-Häftlinge konzentriert wurden. Wahrscheinlich stand die Inhaftierung im Zusammenhang mit einem damals bereits gegen ihn anhängigen Betrugsverfahren („Falschbeurkundung“) beim Landgericht Berlin“ (Mail vom 26. September 2025). In den Unterlagen des KZ Dachau im Arolsen-Archiv (5) ist sein Zugang mit der Häftlingsnummer 27383 am 27. September 1941 vermerkt, seine Entlassung (Verlegung) am 18.Dezember 1941.

Bei diesem Gerichtsverfahren ging es um zwei Tatbestände: Theodor Liedtke hatte sich gegenüber einem Notar im Mai 1940 als Halbjude ausgegeben, eine Kennkarte als Jude nicht beantragt, mithin auch nicht vorgelegt, und hatte sich bislang geweigert, den Zwangsvornamen „Israel“ zu führen und den Judenstern zu tragen. Stattdessen hatte er in mehreren Eingaben seit 1938 versucht, eine Bestätigung als Halbjude zu bekommen, was polizeilich abgelehnt worden war. Und zum anderen hatte er bei eben diesem Notar die Umschreibung (Schenkung) seines Viertel-Anteils an einem Grundstück in Schöneberg (Büsingstrasse 14/Odenwaldstr. 26), das er und seine Tochter Ellen von seiner Frau geerbt hatte, auf seine Tochter zwecks Vermögenssicherung veranlasst. Nachdem dies bereits erfolgt war, hatte der Bezirksbürgermeister gegen diese Umschreibung Widerspruch eingelegt und so den Zugriff des nationalsozialistischen Staates auf das Vermögen der Juden sichergestellt. Theodor Liedtke kam im Dezember 1941 in Untersuchungshaft in das Gefängnis Plötzensee in Berlin-Tegel.

Im Strafprozess (6) gegen ihn wurde er am 16. September 1942 (Bild 4) zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr und sechs Monaten verurteilt „wegen schwerer mittelbarer Falschbeurteilung in Tateinheit mit Betrug … Da der Angeklagte geständig war, wurde ihm die erlittene Untersuchungshaft angerechnet“ – mittlerweile acht Monate, von Januar bis September 1942. Er hätte also damit rechnen können, im Mai 1943 aus dem Gefängnis entlassen zu werden.

Bild 4: Auszug aus dem Urteil des Landgerichts Berlin gegen Theodor Liedtke von 1943 (aus: 6).

Sicherungsverwahrung und Deportation nach Auschwitz

Bereits im Oktober 1942 teilte die Kriminalpolizei der Strafanstalt in Plötzensee mit, dass beabsichtigt sei, gegen Theodor Liedtke „im Anschluß an die Strafverbüßung polizeiliche Vorbeugungsmaßnahmen zu ergreifen. Ich bitte daher ihn nicht zu entlassen, sondern in in jedem Falle, auch bei vorzeitige Entlassung oder bei Bewilligung einer Bewährungsfrist, mittels Sammeltransportes in das Polizeigefängnis Berlin für die Kriminalinspektion Vorbeugung einzuliefern“ (6). Am 23. März 1943 vermerkt die Dienststelle der Kriminalpolizei in einer internen Notiz „Es ist zu prüfen, ob und welche vorbeugenden Maßnahmen …zu ergreifen sind„, und notiert drei Tage später, am 26. März 1943 „nach fernm. Auskunft des Strafgefängnisses Berlin-Tegel sitzt der Jude Theodor Israel Liedtke dort nicht mehr ein. Er ist am 17. 3 1943 in das Konzentrationslager Auschwitz überführt worden„, wo sich seine Spur verliert. Im Herbst des Vorjahres hatten Justizminister Thierack und Himmler die Überstellung der sicherungsverwahrten Häftlinge zur „Vernichtung durch Arbeit“ in KZs vereinbart.

Der Wiedergutmachungsprozess

Ellen Lydia Liedtke, geboren 1919, hatte sicherlich das, was man eine schwierige Kindheit nennen würde: Ihre Mutter starb 1934, als sie 15 Jahre alt war, und ihr Vater wurde ihr 1941 genommen, als sie 22 Jahre alt war. In der Zeit zwischen diesen beiden Todesfällen lebte sie bei ihrem Vater – ausweislich einiger Zeugenaussagen in den Prozessen in durchaus geordneten und wohlhabenden Verhältnissen. Aber sie suchte – und fand – offenbar enge Bindungen mit schwierigen Zeitgenossen in ungünstigen Zeiten (1). Zunächst verliebte sie sich in einen strammen Nationalsozialisten, Walter Meltzer, geboren am 15. Oktober 1915 in Dresden. Er war ein hoch-dekorierter Luftwaffenpilot mit NSDAP-Mitgliedschaft, der gern SS-Mitglied geworden wäre (Bild 5). Als er nach einer Belobigung ankündigte, Hitler um die Erlaubnis zu fragen, seine jüdische Freundin zu heiraten, wurde er degradiert und verlor als Testpilot am 15. August 1943 sein Leben. Nach seiner Beerdigung versteckte sich Ellen in Schlesien und brachte vier Monate später ihren gemeinsamen Sohn Klaus zur Welt. Es bleibt aus den vorliegenden Unterlagen unklar, ob sie und Walter Meltzer wirklich verheiratet waren, wenngleich sie in allen amtlichen Unterlagen betonte, sie sei eine Witwe.

ild 5: Ellen Liedtke um 1942 und Walter Meltzer als Offizier der Luftwaffe (Fotos aus dem Familienarchiv Liedtke mit freundlicher Genehmigung).

Nach dem Krieg stürzte sie mental ab, versank in Alkohol und in eine tiefe Depression. Sie lernte einen amerikanischen Zionisten kennen, Friedrich Edelmann, mit dem sie nach Palästina zog, aber als er zurück nach Amerika wollte, kehrte sie 1952 mit ihrem Jungen zurück nach München. Sie heiratete am 3. September 1952 den ehemaligen katholischen Mönch und kaufmännischen Angestellten Heinrich Maier, geboren am 7. September 1914. In ihrer Heiratsurkunde von 1952 ist sie als Ellen Meltzer mit evangelischer Religion eingetragen (Bild 6). 

Bild 6: Heiratsurkunde der Ellen Meltzer geborene Liedtke mit Heinrich Maier 1952 (aus: 2).

Im April 1954 stellte sie einen Wiedergutmachungs- bzw. Entschädigungsantrag, dessen vorherrschendes Merkmal ist, dass er vornehmlich auf persönlichen Briefen basierte. Ellen ließ sich in den mehr als zehn Jahre hinziehenden verschiedenen Verfahren nicht von einem Anwalt vertreten, sondern verfasste unzählige handgeschriebene Briefe, Anträge und Anfragen. Sie hatte aber immer auch politische Fürsprecher, die sich ab und zu einschalteten, um den Entscheidungsprozess zu kontrollieren: den Bayerischen Landtagsabgeordneten Erwin Pfeffer (1914-1971), wie Walter Meltzer Luftwaffenpilot im Krieg, den SPD-Bundestagsabgeordneten Prof. Dr. Ernst Schellenberg (1904-1987), und den Berliner Oberbürgermeister Dr. Otto Suhr (1894-1957).

Ihr Gemütszustand und ihre schlechte psychische Verfassung ergeben sich auch aus ihren handschriftlichen Briefen: So schrieb sie am 9. Juli 1963 an das Entschädigungsamt: „Vielen Dank für Ihr freundliches Schreiben, aber mir geht die Geduld aus! Der Krieg ist bereits 18 Jahre her! Mein Vater Theodor Liedtke hat nicht den Krieg verursacht, hat auch keine Rassengesetze gemacht … mein Mann, der Ritterkreuzträger Hauptmann Walter Meltzer ist für das Vaterland abgestürzt. Mir langt es allmählich!“ (2).

Zunächst erreichte sie – als Voraussetzung für die Entschädigungszahlungen – die Aufhebung von zwei Urteilen gegen ihren Vater, zum einen wegen Verstoßes gegen die Zwangsnamen-Verordnung, zum anderen wegen Falschbeurkundung und Betrugs. Beide Urteile wurden durch Gerichtsbeschluss der 13. Strafkammer des Landgerichts Berlin vom 3. Mai 1957 aufgehoben.

Sechs Jahre nach Erstantrag berichtete das Entschädigungsamt dem Senator des Inneren in Berlin, dass von den sechs gestellten Anträgen (Bild 7) der Antrag auf Waisengeld abgelehnt wurde, der Antrag auf Schaden im wirtschaftlichen Vorkommen  zurückgezogen wurde, ein Antrag auf Schaden an Körper und Gesundheit mittels Vergleich beendet wurden (Entschädigung: 1200 DM), ein Antrag auf Schaden an Freiheit (ihres Vaters) durch Zahlung  von 5250 DM beglichen wurde, und zwei Anträge (Schaden an Vermögen, Schaden an beruflichem Fortkommen) noch in Bearbeitung seien. Der Vermögensschaden wurde 1963 mit 4800 DM entschädigt, der Antrag auf Schaden an beruflichem Fortkommen wurde zunächst ablehnt, 1968 aber in einem weiteren Vergleich mit 8075 DM beziffert und bezahlt.

Bild 7: Stellungnahme des Entschädigungsamtes zum Stand der Anträge der Ellen Maier von 1960 (aus: 2).

Ellen Maier geb. Liedtke, zuletzt wohnhaft in Wiesbaden, starb am 21. September 1971 im Alter von nur 52 Jahren an einer Alkoholvergiftung.

Literatur

1. Simon May: How to be a Refugee. Picador Publisher, London 2021.

2. Entschädigungsakte im Berliner Landesamt für Besoldung (LABO), AZ

3. Handelsregister-Akte im Landesarchiv Berlin (LAB), A Rep. 342-02 Nr. 31663.

4. Christoph Kreutzmüller. Ausverkauf. Die Vernichtung der jüdischen Gewerbetätigkeit in Berlin 1930 bis 1945. Metropol Verlag, Berlin 2012

5. Arolsen-Archiv: https://collections.arolsen-archives.org/de/search

6. LAB: A Rep. 358-02 Nr. 31474; Pr. Br. Rep. 030-02-02 Nr. 81.