Arzt und Pianist Bernhard Pollack, Blumeshof (Teil 1)

Der Augenarzt und Wissenschaftler Bernhard Pollack (1865-1928), der von 1907 bis zu seinem Tod 1928 im Blumeshof 15 wohnte, war schon früh in den Recherchen zum Lützow-Viertel aufgefallen, nicht zuletzt, weil er ein medizinisch-grundlagenwissenschaftliches Lehrbuch geschrieben hatte (1), das eine vielfache Auflage erlebt hatte und sogar ins Englische und Französische übersetzt worden war. Das passte so gar nicht in das Bild eines praktizierenden Augenarztes – aber es sollte noch weitaus exklusiver und exotischer werden. Die Recherchen haben sich einige Zeit hingezogen, weil auch in diesem Fall der jüdische Hintergrund der Familie eine Rolle spielte und weil auch in dieser Familienrekonstruktion mehr als nur ein Protagonist eine tragende Rolle hatte; insbesondere der Bruder von Bernhard Pollack, der Bankier und Literaturkritiker Paul Pollack (1858-1938), der für wenige Jahre (1890 bis 1893) in der Genthiner Straße 5a wohnte, hatte eine mindestens ebenso spannende Lebensgeschichte. Und ein weiterer Bruder, Joseph, der Erstgeborene der Familie, hatte eine Karriere als Musiker vor sich, als er tragischerweise in jungen Jahren bei einem Zugunglück in Wannsee ums Leben kam.

Es gibt über Bernhard Pollack und seine Lebensgeschichte ein Buch eines griechischen Medizinhistoriker, Lazaros C. Tiarhou, das uns bei der Recherche zur Verfügung stand (2) (Bild 1), aber wie in allen unseren Geschichten haben wir versucht, zusätzliche Informationen zu finden, genealogische Lücken zu schließen und Fehler zu korrigieren.

Die Abstammung des Bernhard Pollack aus Zempelburg

Jacob Pollack, der Vater von Bernhard Pollack, wurde in Zempelburg geboren. Laut seiner Sterbeurkunde vom 5. Juli 1896 wurde er 77 Jahre und vier Monate alt, d.h. er wurde im Februar oder März 1819 geboren. Er wohnte zu diesem Zeitpunkt in der Linkstraße 7, zwischen Potsdamer Straße und Königin-Augusta-Ufer (heute Reichpietschufer) (Bild 2).

Um die Vorfahren von Bernhard Pollack im Zempelburg zu finden, haben wir im Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz (GStA) nach Unterlagen über jüdische Einwohner in den Städten des Netzedistrikts, der Städte und Kreise entlang dem Fluss Netze zwischen Bromberg (polnisch: Bydgoszcz) im Osten und Deutsch Krone im Westen, gesucht (Bild 3). Nach Einverleibung durch Preußen mit der ersten polnischen Teilung (1772) mussten hier, wie überall in Preußen, Steuer-Listen über jüdische Einwohner geführt werden, zur Kontrolle über Zahl und den Status der Juden, d.h. ob sie naturalisiert waren (Ordinaria oder Extra Ordinaria), Tolerierte, Bediente, Professionisten (z.B. Schuldiener, Rabbiner), Immigrierte, Ausgereiste oder Verstorbene, welchen Beruf sie ausübten und welches Vermögen sie hatten. Solche Steuerliste gab es für Zempelburg für die Jahre 1805, 1809, und 1812 (3). In Jahr 1812 mussten die jüdischen Familien außerdem Familiennamen annehmen (4).

Genealogische Bruchstücke

Die Urgroßeltern von Bernhard Pollack

Im Jahre 1805 war ein Marcus Joseph, 79 Jahre alt, d.h. geboren 1726, in den Steuerlisten bei den „Extra Ordinaria“ geführt mit einer Konzession vom 29. Juni 1789. Er hatte keine Familie, aber es fand sich eine Anmerkung: „den Sohn Joseph heut als Emigrant gefördert von No. 116“ (Bild 4).

Im Familienregister von Zempelburg, dessen Erstellungsdatum nicht angegeben ist (5), wurden drei Personen mit dem Namen Polack gelistet (geschrieben mit einem „l“, aber das nahm man nicht so genau):

16. Moses Joseph Polack, ehemaliger Seidenhändler; 17. Sophie geb. Enschel-Hirsch, Wittwe Polack; 18. Moritz Polack, Handlungsdiener.

In einer Anmerkung stand „Ad No. 16 ist der Staatsbürgerbrief des Polack der königl. Regierung am 31. April 15 remittirt“ (= zurückgeschickt).

Dieser Moses Joseph Polack ist vermutlich Marcus Joseph, der zum Zeitpunkt der Anlage des Familienbuches offenbar verstorben war, spätestens jedoch 1815, als sein Staatsbürgerbrief zurückgeschickt wurde; die Witwe Sophie Polack, eine geborene Enschel-Hirsch, könnte seine (zweite) Frau und Moritz Polack könnte ein Bruder gewesen sein.

Die Großeltern von Bernhard Pollack

Der Sohn des Marcus Joseph, Joseph Marcus (28 Jahre) und dessen Frau Jemenche (16 Jahre alt!) fand sich unter den Emigranten auf der 1805-Liste unter Nr.116, dort mit der Anmerkung versehen „er wohnt bei seinem Vater Marcus Joseph Nr. 7, Absch. II und hat die Jemenche, Tochter des Hirsch Baer No. 2 Absch. III geheiratet„.

Jemenche, Koseform von Jemen, war eine von sechs Kindern des Hirsch Baer und dessen Frau Güttel (53 bzw. 40 Jahre), ein Sohn Aron Liepmann war nach Königsberg (Neumark) verzogen, vier Kinder lebten noch im Haushalt der Eltern (Feibusch 23, Feiche 15, Salomon 6 und Deiche 3 Jahre alt).

Im Jahr 1812 nahm dieser Joseph Marcus den Familiennamen Pollack an (4); er war in Zempelburg der einzige mit diesem Familiennamen. Joseph Marcus hatte wenige Jahre zuvor (1804) eine Konzession zur Ausübung des Tuchmacherhandwerks erhalten (3). Darin hieß es: „… Supplicant zu der von ihm erbetenen Concession recht qualificirt und bey „Betreibung“ eines nüzlichen Gewerbes von dem den Juden so eigenen Schachern abgehalten werden dürfte, so bitten Eur. königlichen Majestaet wir alleruntertänigst ihm solche gegen Erlegung eines 15 rT zum stätischen Bau Fonds, den Dispensations Gebühren von den Bendern:Tuchern und den sonstigen Gebühren in Gnaden zu bewilligen. Bromberg den 4ten Octobr: 1804″ (Bild 5).

Ausweislich der „Liste von Juden im Netzedistrikt für 1809“ (3) war Joseph Marcus 1809 ein „tolerierter Jude“, 30 Jahre alt, verheiratet mit Lemmersehle, 18 Jahre alt. Sie hatten zu diesem Zeitpunkt einen Sohn, Feibusch, ein halbes Jahr alt. Der Eintrag vermerkt „ist ein concessionirter Tuchmacher, der hinzugekommenen Sohn Feibusch ist geboren„.

Es bleibt ein wenig unklar, ob diese Frau Lemmersehle (Lämmerseele?) identisch ist mit Jemenchen, aber das junge Alter bei der Heirat und beim ersten Kind (16 bzw. unter 18 Jahre) spricht dafür.

Die Eltern von Bernhard Pollack

Jacob Pollack, geboren am 18. Februar 1819 in Zempelburg, Tuchhändler und Lieferant von Militärkleidung, heiratete Maria, geborene Ledermann, geboren am 6. Dezember 1829 in Wartenberg (6). Das Ehepaar hatte fünf Kinder: Joseph, geboren 1855; Clara, geboren am 25. Juni 1857; Paul, geboren am 29. Oktober 1858 in Breslau; Bettina, geboren am 13. Dezember 1862 und Bernhard geboren am 1865 in Berlin (7). Maria und Jacob Pollack starben am 9. August 1893 bzw. am 5. Juli 1896 in Berlin.

Im folgenden Teil 2 dieser Familiengeschichte werden wir zunächst die Informationen zusammentragen, die wir über Jakob Pollack und seine Frau Marianne kennen sowie das Wenige, das wir über ihre beiden Töchter Clara und Bettina wissen. Danach folgen die Teile, die man mit „Joseph und seine Brüder“ überschreiben könnte, auch wenn es nicht zwölf sind, wie bei Thomas Mann, sondern nur drei Söhne: Über das kurze Leben des Joseph Pollacks, der ein musikalisches Wunderkind war und Arzt werden wollte (Teil 3), dann über den Bankier und Literaturkritiker Paul Pollack (Teil 4) und schließlich über Bernhard Pollack selbst, dem Arzt und Pianisten (Teil 5).

Literatur

1. Bernhard Pollack: Die Färbetechnik des Nervensystem. S. Karger Verlag Berlin 1897.

2. Lazaros C. Triarhou: The Berlin Ophthalmologist Bernhard Pollack. Neurohistology Scholar and Devout Musician. Thessalonica, Greece (Eigendruck) 2001.

3. Geheimes Staattsarchiv Preußischer Kulturbesitz (GStA), Akten Nr.: I. HA Rep. 104  IV C, Nr 177; I. HA Rep. 104, IV C, Nr. 2; II. HA Abt. 9 Selt 5 Nr 41.

4. Gerhard Salinger: Zur Erinnerung und zum Gedenken. Die einstigen jüdischen Gemeinden Westpreussens. Teilband 2. New York/Hannover (Eigendruck) 2009, Seite 425-463.

5. FamilySearch (www.familysearch.com): Film 1857712, Nr. 7991139 – von 1812ff.

6. Genealogie-Plattform: https://www.geni.com/, https://www.myheritage.de/.

7. Joseph hatte Herbst 1875 am Friedrichs-Werdersches Gymnasium in Berlin das Abitur gemacht und war zu diesem Zeitpunkt „19,5 Jahre alt, aus Breslau „, also geboren 1855, möglicherweise am gleichen Ort wie seine Schwestern, eher nicht in Breslau, möglicherweise im Heimatort der Mutter. Die Angaben bei Clara und Bettina stammen aus MyHeritage/Geni ohne Belege. Ein Jakob Pollack, Partikulier, war Mitglied der jüdischen Gemeinde Breslau (Wählerlisten) in den Jahren 1856 bis 1863, nicht davor (1850) und nicht mehr danach (1866), aber weder Clara noch Bettina waren in den Geburtslisten der jüdischen Gemeinde gelistet (Family Search, Film Nr. 1184383, 7990000).