Eine Mail aus Jerusalem überraschte: Prof. Edward Breuer von der Hebrew University Jerusalem, Experte für jüdische Geschichte und Philosophie, war über einen Artikel in mitteNdran zu Julius Popper (Bild 1) gestoßen (mittendran vom 1. Juni 2025) und fragte nach der akademischen Ausbildung von Julius an der Friedrich-Wilhelms-Universität (FWU) in den Jahren 1841 bis 1845, insbesondere wer wohl seine akademischen Lehrer gewesen sein könnten. Auf meine Rückfrage, wie er denn auf Julius Popper gestoßen sei, dessen Rolle und Bedeutung in der „Wissenschaft des Judentums“ wir zwar versucht haben zu verstehen (mittendran vom 19. Dezember 2025), aber die ohne einen fundierten Hintergrund in jüdischer Geschichte und Philosophie für Laien wie uns schwer einzuschätzen ist, antwortete er sogleich.

Professor Breuer und ein amerikanischer Kollege, Professor Marc Brettler von der Duke University in North Carolina, hatten Julius Popper und dessen Bedeutung im Rahmen eines Projektes zur Bibelkritik im 19. Jahrhundert identifiziert. Unter den christlichen wie jüdischen Bibelgelehrten seiner Zeit sei Popper nicht sehr bekannt gewesen, aber Experten kennen ihn heute als jemand, der von führenden Bibelexperten wie Abraham Kuenen (1828-1891) wahrgenommen und zitiert wurde. Er sei neben Abraham Geiger (1810-1874) einer der wenigen Bibel-kritischen jüdischen Akademiker in den 1850er und 1860er Jahren.Es ging also um die Suche nach den Riesen, auf deren Schultern Julius Popper stand, um ein gebräuchliches Bild in allen Wissenschaften aller Zeiten zu benutzen: „ Zwerge, die auf den Schultern von Riesen sitzen, um mehr und Entfernteres als diese sehen zu können – freilich nicht dank eigener scharfer Sehkraft oder Körpergröße, sondern weil die Größe der Riesen uns emporhebt“ hatte Johannes von Salisbury (1115-1180) einst formuliert und damit die Bedeutung akademischer Vorfahren für den Fortschritt in den Wissenschaften betont und die eigene Bedeutung eines jedes einzelnen Wissenschaftlers relativiert (1).Um diese Frage beantworten zu können, mussten wir in Unterlagen suchen, die uns vor etwa einem Jahr das Archiv der Humboldt-Universität zur Verfügung gestellt hatte (2). Julius Popper hatte dort vom Wintersemester 1841/42 bis zum Sommersemester 1845, also acht Semester lang Vorlesungen besucht in den Fächern Philosophie, Theologie und Archäologie. Eingeschrieben war er an der Philosophischen Fakultät, der dritten von vier Fakultäten; die anderen waren die Theologische Fakultät, die Juristische Fakultät und die Medizinische Fakultät.Zu dieser Zeit war das Reglement des Besuches einer Vorlesung sehr streng: Am Anfang eines Semesters wurde jedem Studenten vom jeweiligen Dozenten ein fester Sitzplatz im Hörsaal zugewiesen, und diesen musste er während des gesamten Semesters beibehalten – so konnte der Dozent zu jeden Zeitpunkt feststellen, wer anwesend war und wer fehlte.

Jeder Student führte zudem ein Testat-Buch, in dem die jeweiligen Dozenten am Ende eines Semesters abzeichneten, ob der betreffende Student regelmäßig anwesend gewesen war oder oft gefehlt hatte, wie sein Betragen war etc. Dieses Testat war nicht nur für das Zeugnis am Ende des Studiums wichtig, sondern auch für die Dozenten selbst: Sie wurden unter anderem nach der Anzahl der Zuhörer bezahlt.
Das Testat-Buch wurde handschriftlich geführt, die besuchten Vorlesungen trug in der Regel der Student ein, der Dozent zeichnete ab mit seiner Unterschrift. Üblicherweise waren es drei bis vier Seminare/Vorlesungen mit 5 bis 100 Hörern, die je Semester gebucht wurden.

Nicht immer war es in Julius Poppers Testat-Buch einfach, das Thema der Vorlesung und den Namen des Dozenten zu identifizieren. In den Matrikelbüchern des FWU gelang es nur einem Fall nicht, den Dozenten zu ermitteln. Matrikelbücher enthalten für jedes Semester die Namen aller Fakultätsangehörigen und aller Studenten (3).

Damit konnten wir die Dozenten nach der Häufigkeit, mit der Julius Popper ihre Vorlesungen besucht hatte, auflisten und so seine akademischen Lehrer und deren Bedeutung für ihn bestimmen:
- Wilhelm Vatke (1806-1862), evangelischer Theologe (vier Semester),
- Julius Heinrich Petermann, Orientalist (1801-1876) (drei Semester),
- August Boeckh (1785-1867), Historiker (zwei Semester),
- Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775-1854), Philosoph (zwei Semester),
- Karl Wilhelm Ludwig Heyse (1797-1855), Sprachwissenschaftler (zwei Semester),
- Karl Werder (1806-1893), Philosoph (zwei Semester).
Je ein Semester hörte er bei
- Leopold von Ranke (1795-1866), Historiker,
- Friedrich Adolf Trendelenburg (1802-1872), Pädagoge,
- Friedrich Gottlob Uhlemann (1792-1864), evangelischer Theologe.
Zu allen diesen akademischen Lehrern finden sich biografische Artikel im Wikipedia.
Eindeutiger Favorit und derjenige, der Poppers Denken am meisten beeinflusst hat, war der evangelische Theologe Wilhelm Vatke (4), dicht gefolgt von dem Orientalisten Julius Petermann (5), bei dem er vor allem Struktur und Verständnis orientalischer Sprachen (hebräisch, aramäisch, persisch, syrisch, arabisch) lernte.

Wilhelm Vatke war evangelischer Theologe und Professor für Altes Testament und Religionsphilosophie. Er hatte in Halle, Göttingen und Berlin studiert und war seit 1837 Professor an der FWU. Er war der Begründer einer wissenschaftlichen Bibelkritik des Alten Testamentes, d.h. er fragte nach dem Wahrheitsgehalt der Geschichten des Alten Testamentes und welche historischen Ereignisse den Erzählungen zugrunde liegen könnten. Die Gedanken Vatkes waren zunächst kaum aufgegriffen worden und wurden dann durch spätere Bibelwissenschaftler wie Abraham Kuenen weiter ausgebaut. Als Schüler Vatkes setzte sich Julius Popper kritisch mit der jüdischen Tradition der wörtlichen Auslegung des Alten Testamentes auseinander und war damit ein früher Vertreter dessen, was man die Wissenschaft des Judentums nannte und nennt.
Unser Exkurs zum Studium Julius Poppers erklärt darüber hinaus, warum er wahrscheinlich nicht in Berlin am Ende des Studiums promoviert hatte, sondern erst neun Jahre später in Leipzig (mittendran vom 1. Juni 2025): Wenn Vatke der Betreuer seiner Dissertationsschrift hätte sein sollen, dann hätte er in der Theologischen Fakultät promovieren müssen, und das war ihm als Jude schlicht nicht möglich. Und in der Philosophischen Fakultät hat er möglicherweise mit diesem bibelkritischen Thema keinen akademischen Betreuer gefunden, sondern erst Jahre später in Leipzig.
Literatur
- Robert K. Merton: Auf den Schultern von Riesen. Ein Leitfaden durch das Labyrinth der Gelehrsamkeit. Suhrkamp Verlag Frankfurt 1983.
- Archiv der Humboldt-Universität, Acta Abgangszeugnisse Nr. 6, Vol. 272 (1846).
- Matrikelbücher der FWU 1821 – 1937: http://wiki-de.genealogy.net/Humboldt-Universität_zu_Berlin/Matrikel