Dieser Teil der Geschichte der Familie Pollack wäre vermutlich sehr kurz gewesen, hätten wir nicht die Lebenserinnerungen von Richard Lichtheim (1) zur Verfügung gehabt. Richard Lichtheim (1885-1963) (Bild 1) war ein Zionist, der die Assimilationsbemühungen der jüdischen Bürger kritisch sah, da sie den Antisemitismus nicht verhindern konnten, und der sich im Gefolge von Theodor Herzl (1860-1904) für ein jüdisches Nationalbewusstsein und den Aufbau eines jüdischen Staates engagierte. Richard Lichtheims Mutter war Clara Pollack, älteste Tochter von Jakob Pollack und seiner Frau Marianne, Schwester von Joseph und Bernhard Pollack. Clara hatte 1880 den Kaufmann Georg Lichtheim geheiratet und ihre Kinder (Sohn Robert und seine Schwester Eva) waren oft bei den Großeltern Jakob und Marianne (Maria) Pollack zu Besuch – dazu weiter unten mehr. Auf den Lichtheim´schen Erinnerungen beruhen auch die Berichte des Medizinhistorikers Lazaros Triarhou zu Bernhard Pollack (2). Ebenfalls zur Verfügung hatten wir ein maschinengeschriebenes Manuskript von 1934 mit der Genealogie der schlesischen Ledermann-Familie, die mit der Ledermann-Familie aus Posen – mittendran vom 18. November 2022 – nicht verwandt war. Dieses Dokument fand sich im Archiv des Leo-Baeck-Instituts in New York (3). Daher zunächst weitere Informationen über die Eltern, Marianne und Jakob Pollack und die beiden Töchter der Familie.

Jakob Pollack und seine Frau Marianne, geborene Ledermann
Die Heirat der Beiden muss um das Jahr 1854 gewesen sein, und sie wurde vermutlich in Groß Wartenberg (bis 1888: Polnisch Wartenberg, Niederschlesien; heute: Sycow, Polen, ca. 45 km nordöstlich von Breslau) registriert, dem Geburtsort der Braut; diese Dokumente haben den Krieg wohl nicht überlebt. Möglicherweise kamen dort auch die ersten Kinder zur Welt, aber auch das ist bislang nicht dokumentiert. Daher wissen wir wenig über die Familie Pollack, bevor sie nach Berlin kam. Als sie erstmals im Adressbuch der Stadt verzeichnet waren (1865, Bauhofstraße 7), war Jakob Pollack noch Kaufmann, ein Jahr später bereits, immer noch an der gleichen Adresse, ein Rentier bzw. Particulier, jemand der von seinem Vermögen leben konnte; er war jetzt 46 Jahre alt. Nach Wohnungswechseln (Bahnhofstr. 7 von 1871 bis 1874, Potsdamer Str. 13 von 1875 bis 1877) wohnte die Familie ab 1878 in der Linkstr. 7 (Bild 2)

Sein Schwiegersohn Richard Lichtheim (1) erinnerte sich viele Jahre später: „Mein Großvater Jakob Pollack war kein akademisch gebildeter Herr, sondern ein einfacher Geschäftsmann von geringer Bildung, der es im Kriege von 1866 [dem preußisch-österreichischen Krieg, PE] durch Lieferung an die preußische Armee zu einem stattlichen Vermögen gebracht hatte. Nach den Begriffen seiner Frau und ihrer Sippe war von Reichtum freilich keine Rede ...“. An anderer Stelle erläutert Lichtheims Vater ihm den Unterschied zwischen vermögend und reich: Vermögend sei man mit einem Vermögen von ein bis zwei Millionen Mark, mit dem man bei einem Zinssatz von 4% und somit 40.000 bis 80.000 Mark im Jahr gut leben könne, während „reich“ zu sein eine Rendite von mindestens 100.000 Mark im Jahr erfordere.
Die Familie der Braut, Marianne Ledermann, war in diesem Sinne „reich“, allerdings erst zu einem späteren Zeitpunkt: Der Vater von Marianne, Bernhard (Bär) Ledermann (1797-1860) stammte aus Niederschlesien und war Kaufmann, hatte eine Schanklizenz und die ehrenvolle Position des Posthalter in Groß Wartenberg; er heiratete um 1820 Henriette Altmann (1802-1842), Tochter eines ebenfalls vermögenden Kaufmanns aus dem Ort. Sie hatten neun Kinder, von denen drei im Kindesalter verstarben. Marianne Ledermann war das vierte Kind (Bild 3).

Das dritte Kind aus dieser Ehe, Rosalie Ledermann (1826-1893) (siehe Bild 3), heiratete Jakob Landau (1822-1882), den Begründer des gleichnamigen Bankhauses in Berlin, dessen Söhne Eugen und Hugo in den Jahrzehnten zwischen Reichsgründung und erstem Weltkrieg bekannte Berliner Persönlichkeiten waren. Jakob Landau erhielt im Lande Sachsen-Coburg einen erblichen Adelstitel und nannte sich Jacob Freiherr von Landau. Dieser Titel war in Preußen nicht anerkannt, daher haben seine beiden Söhne Eugen und Hugo diesen Titel nicht geführt, aber sein Sohn Wilhelm (1848-1908), der in Berlin als Privatgelehrter lebte, gab die preußische Staatsangehörigkeit auf, nahm die Staatsbürgerschaft von Gotha-Sachsen an und führt diesen Titel unbeanstandet auch in Preußen. Wilhelm von Landau wohnte am Lützowufer 5 und war der Vater von Walter Benjamins Kinderliebe Luise von Landau (1892-1942) (siehe mittendran vom 4. Juli 2026). Ein Cousin des Wilhelm von Landau, der Bankier Julius Landau (1854-1928), Sohn seines Onkels Louis Landau (1821-1884), wohnte von 1895 bis 1905 im Blumeshof 15, bevor er 1906 an den Lützowplatz zog (siehe mittendran vom 22. Februar 2026)
Laut Lichtheim war die Ehe zwischen Jakob und Marianne Pollack nicht glücklich: „Sie war eine unzufriedene, in ihrer Ehe offenbar unterdrückte Frau, die unter der Grobheit ihres Mannes litt. Sie starb [1893, PE] …. wenig betrauert von ihren Hinterbliebenen“. Jakob Pollack war aber auch ein Familienmensch: Er versammelte an jedem Wochenende seine Kinder, Schwiegersöhne, Schwiegertöchter und Enkelkinder an seinem Mittagstisch in der Linkstraße 7, und dort spielte er den reichen Mann, der er nicht war: „Zum Schluss der sonntäglichen Familienzusammenkünfte erhielt jedes der anwesenden Enkelkinder … von Großvater Pollack ein goldenes Zwanzigmarkstück als Geschenk … in der Tat mußte das falsche Vorstellungen vom großväterlichen Reichtum erwecken.“ Als Jakob Pollack 1896 starb, waren seine Kinder enttäuscht, „daß er nur wenig mehr als eine Million Mark besaß, die an die vier ihn überlebenden Kinder zu verteilen war. Man hatte auf mehr gerechnet.“
Tochter Clara Lichtheim, geborene Pollack
So wenig, wie man von seiner Großmutter Marianne Pollack geborene Ledermann in Richard Lichtheims Lebenserinnerungen (1) erfährt, so wenig erfährt man von deren Tochter, seiner Mutter Clara Lichtheim, eine geborene Pollack – nicht einmal das Heiratsdatum mit ihrem Mann, dem Kaufmann Georg Lichtheim (1849-1908), Sohn eines Arztes aus Elbing. Er brachte es in der wirtschaftlichen „Gründerzeit“ nach der Reichsgründung 1871 zu einigem Vermögen. Sie heirateten 1880 in Berlin und hatten drei Kinder, von denen eines noch im gleichen Jahr verstarb.
Diese Ignoranz gegenüber den Frauen dieser Zeit – mit Ausnahme vielleicht seiner Bewunderung für die Eleganz und Vornehmheit beider Großmütter – hatte seinen Ursprung nicht nur im „Zeitgeist“: Frauen wurden als Anhängsel ihres Mannes betrachtet. Sie mag auch dem Umstand geschuldet sein, dass es Lichtheim um die zentrale Frage des Judentums dieser Zeit ging: Sollen sich Juden an das herrschende Verständnis einer christlichen-deutschen Nationalität anpassen und sich assimilieren und ihr Judentum, wenn überhaupt, auf eine private Eigenschaft, die man nicht einmal lebte – man war nicht religiös – reduzieren, sich gar taufen lassen aus opportunistischen Gründen (Karrierechancen, Aufstiegschancen in der Beamtenschaft, gesellschaftliche Anerkennung, Heiratschancen der Töchter etc.)? Oder sollten sich Juden weiterhin als ethnische Minderheit in einem protestantischen Preußen verstehen, ob sie nun religiöse waren oder nicht? In religiösen Fragen waren Frauen den Männern sowieso untergeordnet, die Frau nahm nach Außen die Haltung des Mannes an, die Kinder wurden im Glauben des Vaters – ob an einen Gott oder an das Geld – erzogen.
Beide Töchter der Pollacks, Clara wie Bettina, waren bei der Wahl ihrer Ehemänner – so sie denn eine Wahl hatten und die Ehe nicht arrangiert war – dem Leitbild ihrer Vaters gefolgt; oder, wie Richard Lichtheim es ausdrückte: „… einem Habenichts hätte der alte Jakob Pollack in der Linkstraße 7 seine Tochter … nicht gegeben“.
Über seine Mutter schrieb er noch: „Im Gegensatz zu ihren Brüdern waren meine Mutter und ihre Schwester Betty wenig musikalisch. Dafür besaßen beide Schwestern ungewöhnlichen Mutterwitz, Sinn für Humor und Plaudertalent. War meine Mutter zu einer Gesellschaft eingeladen, so aß sie vorher zu Hause ein paar Butterbrote, um sich durch das Diner nicht von der Tischunterhaltung ablenken zu lassen. Während mein Vater sich für Politik und Literatur nicht interessierte, war meine Mutter eine leidenschaftliche Leserin und Politikerin … Von scharfem kritischen Verstand, aufklärerisch und von großem Freimut, war sie genau so unreligiös wie mein Vater.“
Clara Lichtheim starb bereits mit 39 Jahren 1896 an einer zu spät erkannten Blinddarmentzündung, als die Kinder 11 und 13 Jahre alt waren. Vielleicht hat dieser fehlende Einfluss der Mutter die Hinwendung Lichtheims zum Zionismus erst ermöglicht.
Richard Lichtheim überlebte den Krieg und den Nationalsozialismus in Israel (Palästina) dann in Konstantinopel (Istanbul) und schließlich in England; er war verheiratet und hatte einen Sohn. Richard starb 1963. Seine Schwester Eva heiratete 1932 in den Niederlanden; sie hatte ebenfalls einen Sohn. Die Ehe wurde 1938 geschieden; der Verbleib der Eheleute und des Sohnes ist unbekannt.
Tochter Bettina Friedmann geborene Pollack
Richard Lichtheim erinnerte sich: „Meine Tante Betty hatte [1890, PE] einen mehrfachen Millionär namens Siegmund Friedmann in Breslau geheiratet. Der Kreis, in dem sie lebte, ging so völlig in Luxus und Wohlleben auf, daß für eine ersthafte Stellungnahme zur Judenfrage kein Raum blieb … Im Alter von über achtzig Jahren ist meine Tante Betty mit ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn in den Gaskammern von Auschwitz umgekommen. Ihre beiden Enkelsöhne konnten sich ins Ausland retten“.
Heute wissen wir, dass Georg Martin Tarnowski, der Schwiegersohn, im März 1943 in Auschwitz ermordet wurde, während Betty am 19. Oktober 1942 und ihre Tochter Maria Marie Tarnowski im März 1943 in Theresienstadt ums Leben kamen. Siegmund Friedmann, Bettys Ehemann, war bereits am 10. Dezember 1931 verstorben (Bild 4).

Literatur
1. Richard Lichtheim: Rückkehr. Lebenserinnerungen aus der Frühzeit des deutschen Zionismus. Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart 1970.
2. Lazaros C. Triarhou: The Berlin Ophthalmologist Bernhard Pollack. Neurohistology Scholar and Devout Musician. Thessalonica, Greece (Eigendruck) 2001.
3. Leo Baeck Institut New York, Archiv Nr.