Walter Benjamins Großtante, Minna Lehmann

Wenn Sie Minna Lehmann nicht kennen, muss Sie das nicht irritieren: Minna Lehmann geborene Stargardt lebte von 1822-1912. Sie war eine Großtante von Walter Benjamin (1892-1940), der für kurze Zeit selbst im Lützow-Viertel lebte: ab 1892 am Magdeburger Platz 4, dann ab 1896 in der Kurfürstenstraße 57 über der Apotheke, zuletzt bis 1903 an der Nettelbeckstraße 24. Als die Familie 1904 nach Charlottenburg zog, war das Walterchen erst zwölf Jahre alt. Was Walter Benjamin dauerhaft mit dem Lützowviertel verbindet, sind seine beiden Großmütter: Hedwig Schönflies (1845-1908), die Großmutter mütterlicherseits, die von 1897 bis 1906 im Blumeshof 12 wohnte, und Brunella Benjamin (1827-1919), die Mutter seines Vaters, die auch im Blumeshof residierte, gegenüber in der Nr. 8. Die Erinnerung an beide, und an vieles mehr aus seiner „Berliner Kindheit um Neunzehnhundert“ (1), hat Walter Benjamin in einem Buch zusammengetragen, dass heute als Klassiker gilt, nicht nur, wenn es um das Lützow-Viertel geht; wir hatten darüber mehrfach berichtet (mittendran vom 7. Dezember 2024).

Und in diesem Buch taucht dann auch seine Großtante Minna Lehmann auf: „In jede Kindheit ragten damals noch die Tanten, die ihr Haus nicht mehr verließen … Zu diesen Wesen zählte Tante Lehmann. Ihr guter norddeutscher Name bürgte für ihr Recht, ein Menschenalter lang den Erker zu behaupten, unter dem die Steglitzer in die Genthiner Straße mündet“. Etwas weiter in dem Kapitel heißt es: „Doppelt verwahrt war diese Erkerwohnung, wie es für Räume sich gehört, die so Kostbares in sich zu bergen hatte. Gleich nach dem Haustor fand sich links im Flur die dunkle Tür zur Wohnung mit der Schelle … Wenn sie sich vor mir auftat, führte, steil und atemraubend, eine Stiege aufwärts … Im Schein des trüben Gaslichts … stand eine alte Dienerin, in deren Schutz ich gleich darauf die zweite Schwelle, die zur Diele dieser düstern Wohnung führte, überschritt“.

Diese Passage, das „doppelt verwahrt“ mit den beiden Schwellen, die es zu überschreiten galt, ließ den japanischen Benjamin-Experten Jun Tanaka rätseln, der an einer Übersetzung der „Berliner Kindheit“ ins Japanische arbeitet. Er hatte mich vor einiger Zeit (mittendran vom 22. Februar 2026) mit einem anderen Rätsel kontaktiert: Wohnte Hedwig Schönflies in der Beletage im Blumeshof 12? Benjamin´schen Sprachschöpfungen (Blume-Zof statt Blumeshof; Mark-Thalle statt Markthalle) in eine andere Sprache zu übersetzen kann eine echte Aufgabe sein, sicherlich auch in diesem Kapitel: „Denn damals hieß sie [Tante Lehmann, PE] mir noch nicht nach Steglitz. Der Vogel Stieglitz schenkte ihr den Namen. Und hauste nicht die Tante wie ein Vogel, der reden konnte, in ihrem Bauer? …“ – ich bin gespannt, wie das auf Japanisch aussieht und klingt.

Bild 1: Blick in die Steglitzer Straße von Westen (Genthiner Straße). Das Eckhaus links mit der Nummer 43 ist das Hotel Hohenzollern (Landesarchiv Berlin F 251-02 Nr. 4938, gemeinfrei).

Jetzt also die doppelte Schwelle – was könnte damit gemeint sein? Meine erste Vermutung: Es war der doppelte Eingang, erst das Haustor, dann die Haustür. Aber als ich jetzt mir den Satz erneut vor Augen führte, schien mir doch etwas anderes gemeint zu sein: Nach dem Hoftor links die Wohnungstür mit der Klingel (= Schwelle 1), dann die steile Stiege mit dem Eingang zur Diele der Wohnung (= Schwelle 2). Inzwischen hatte ich allerdings die Bauakte des Hauses gesucht und gefunden, so dass die räumlichen Verhältnisse aufgeklärt werden konnten. Aber das ist schon fast eine eigene Geschichte: Wo ist die Pohlstraße 97, und wo ist die Bauakte dieses Hauses?

Bild 2: Das südliche Eckhaus Steglitzer Straße 44 (Bildpostkarte aus der Sammlung Ralf Schmiedecke mit freundlicher Genehmigung).

Die heutige Pohlstraße hieß zu Zeiten Minna Lehmanns und bis 1936 Steglitzer Straße, dann wurde sie umbenannt in Ludendorffstraße. Mit der Umbenennung änderten die Nationalsozialisten, die damit Erich Ludendorff (1865-1937) ehren wollten, auch die Nummerierung der Häuser. War sie bis dahin „preußisch“, d.h. stetig-aufsteigend, angefangen an der Flottwellstraße bis zur Genthiner Straße und zurück auf der gegenüberliegenden Seite, so erhielt sie 1837 eine Zickzack-Nummerierung, rechts die geraden Nummern und links die ungeraden, angefangen am östlichen Ende.

Bild 3: Die Steglitzer Straße Ecke Genthiner Straße auf dem Straube-Plan von Berlin 1910. Minna Lehmann wohnte im Haus Nr. 47. Rechts ein Auszug aus dem Adressbuch für diese Adresse im Jahr 1900.

Wäre die Pohlstraße 97 also die Steglitzer Straße mit gleicher Nummer, so müsste das Haus an deren östlichem Ende liegen – dort hörte die Nummerierung vor 1937 aber mit der Nummer 95 auf. Wenn aber, wie Benjamin schrieb, Minna Lehmann dort wohnte, wo die Steglitzer in die Genthiner Straße mündete, muss die Hausnummer eine ganz andere gewesen sein. Straßenkarten von 1910 und später zeigen am westliche Ende der Steglitzer Straße die Hausnummern 43 bzw. 44 an; es gibt sogar Fotos der beiden Eckhäuser, aber die Nr. 43 (nördliche Ecke) besetzte das Hotel Hohenzollern (Bild 1) und im Eckhaus auf der südlichen Seite (Bild 2) wohnte zu keinem Zeitpunkt eine Frau Lehmann. Stattdessen fand sich Minna Lehmann von 1893 bis 1912 im Haus Steglitzer Straße 47 (Bild 3), dem vorvorletzten Haus vor der Genthiner Straße auf der südlichen Seite (Bild 3). Nach Umbenennung und Umnummerierung 1936 wurde dies die Ludendorffstraße 97, und nach dem Krieg die Pohlstraße 97. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Haus so zerstört, dass es abgerissen, das Grundstück geräumt und 1959 an Möbel Hübner verkauft wurde – heute ist dies Teil des Parkplatzes am Gebäude, die Pohlstraße selbst zwischen der Genthiner Straße und der heutigen Kluckstraße wurde im Amtsdeutsch „eingezogen“.

Bild 4: Grundriss der zwei Wohnungen im Erdgeschoss Steglitzer Straße 47 mit den von Walter Benjamin beschriebenen Eingängen zur Wohnung von Minna Lehmann („Schwellen“) (aus (2)).

Für die Steglitzer Straße oder die Ludendorffstraße gibt es keine Bauakten, Bauakten werden immer unter dem letzten Namen der Straße archiviert. Es lag also nahe, die Bauakte für die Pohlstraße 97 zu suchen. Dann muss man wissen, dass Bauakten von Häusern, die nicht mehr existieren, im Landesarchiv lagern, während sich Bauakten von neuen und von alten, noch existierenden Häusern in den Bauaktenarchiven des jeweiligen Bezirks befinden. Und obwohl es die Pohlstraße 97 schon lange nicht mehr gibt, lebt sie im Archiv weiter.

Der Bauplan (Grundriss) des Hauses (2) (Bild 4) löste dann das Rätsel: durch die Toreinfahrt ging es links zu einer kleinen Treppe, dort befand sich die Haustür mit der Klingel für die einzige Wohnung der erste Etage; alle übrigen Etagen und Wohnungen wurden über eine Treppe auf der rechten Seite erreicht. An der Wohnungstür am Ende der Treppe links im ersten Stock wartete die alte Dienerin auf das Walterchen, um ihn in Minna Lehmanns geheimnisvolles Reich einzulassen.

Literatur

  1. Walter Benjamin: Berliner Kindheit um neunzehnhundert: Fassung letzter Hand. Frankfurt, Suhrkamp Verlag 2010.
  2. Bauakte im Landesarchiv Berlin, B Rep. 202 Nr. 2333.